
Themen-Special
Tumorfatigue – wenn Erschöpfung bleibt
Müdigkeit kennt jeder. Aber Tumorfatigue ist etwas grundlegend anderes: eine extreme, anhaltende Erschöpfung, die sich körperlich, geistig und emotional zeigt – und die sich durch Schlaf oder Ausruhen nicht bessert. Sie entsteht oft ohne vorausgehende Anstrengung und bleibt häufig, wenn die eigentliche Krebstherapie längst abgeschlossen ist.
Tumorfatigue zählt zu den häufigsten und belastendsten Folgeerscheinungen einer Krebserkrankung – viele Betroffene erleben sie als das Symptom, das ihren Alltag am stärksten einschränkt. Etwa ein Drittel der Krebsüberlebenden ist langfristig betroffen; während einer aktiven Tumortherapie sind es 70 bis 80 Prozent, bei fortgeschrittener Erkrankung nahezu alle. Trotz dieser Verbreitung wird Tumorfatigue im Versorgungsalltag oft nicht erkannt, nicht angesprochen und nicht behandelt.
Dieses Themen-Special bündelt Wissen, Erfahrungen und Orientierung rund um die tumorbedingte Fatigue – aus Wissenschaft, psychoonkologischer Praxis und den persönlichen Berichten von Cancer Survivorn. Es ist Teil einer wachsenden Reihe, die wir gemeinsam mit der Berliner Krebsgesellschaft, der Charité-Psychoonkologie und dem SURVIVORS HOME entwickeln.

Die Veranstaltungen zum Thema Fatigue
Zum Thema Tumorfatigue sind im SURVIVORS HOME Berlin mehrere Veranstaltungen entstanden – als Live-Vorträge mit Stream, dauerhaft abrufbar in der Mediathek. Sie stammen aus zwei Reihen: der mehrteiligen Reihe „Im Fokus“ in Zusammenarbeit mit der Berliner Krebsgesellschaft sowie der Inforeihe Krebs der Psychoonkologie des Charité Comprehensive Cancer Center. Die folgenden Abschnitte greifen die wichtigsten Inhalte redaktionell auf und verweisen jeweils an die passende Stelle im Video.

Mehr als Müdigkeit –
was Tumorfatigue ausmacht
Müdigkeit, Erschöpfung, Fatigue – wo der Unterschied liegt
Die drei Begriffe werden im Alltag oft gleichbedeutend verwendet, meinen aber Verschiedenes. Müdigkeit ist die Folge von Schlafmangel und lässt nach gutem Schlaf nach. Erschöpfung ist eine normale Reaktion auf eine Anstrengung und bessert sich durch Erholung. Fatigue dagegen tritt im Zusammenhang mit einer Erkrankung auf, betrifft Körper und Psyche zugleich und beeinträchtigt den Alltag deutlich – und sie verschwindet gerade nicht durch Schlaf oder Pausen.
Wichtig ist auch: Es gibt nicht die eine Tumorfatigue. Fachleute gehen von verschiedenen Ausprägungen mit unterschiedlichen Ursachen aus – ähnlich wie bei Schmerzen, wo Zahnschmerz, Kopfschmerz und Muskelkater verschieden entstehen und sich verschieden anfühlen, obwohl wir alles „Schmerz“ nennen.
Die drei Symptomebenen
Tumorfatigue zeigt sich auf drei Ebenen, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können: körperlich (Kraftlosigkeit, schwere Glieder, rasche Erschöpfung), kognitiv (Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, verlangsamtes Denken) und emotional (innere Anspannung, Reizbarkeit, gedrückte Stimmung). Gerade die kognitive und die emotionale Ebene werden häufig unterschätzt.
Dr. Martina Schmidt vom Deutschen Krebsforschungszentrum erklärt Definition und Merkmale in der ersten „Im Fokus“-Veranstaltung: → Video ansehen (ab 02:08 min)
Mögliche Mechanismen
Gestörte Energieproduktion in den Zellen: Die Mitochondrien – die Kraftwerke jeder Körperzelle – können durch Krebs oder Therapien in ihrer Funktion beeinträchtigt sein.
Hormonelle Veränderungen: Bestimmte Therapien – etwa Anti-Östrogen-Behandlungen bei Brustkrebs – senken den Östrogenspiegel stark ab, was Erschöpfung und kognitive Einschränkungen auslösen kann.
Gestörte Schlaf-Wach-Regulation: Das Zusammenspiel von Nervensystem und Hormonhaushalt (die sogenannte Stressachse) kann aus dem Gleichgewicht geraten. Der Cortisolspiegel, der morgens hoch und abends niedrig sein sollte, ist dann fehlreguliert – das erklärt das paradoxe Erleben: tagsüber erschöpft, nachts trotzdem wach.
Chronische Entzündungsprozesse: Dauerhaft erhöhte Entzündungsmarker im Blut signalisieren dem Gehirn einen Alarmzustand. Der Körper schaltet auf Schonmodus – ähnlich dem Gefühl bei einer schweren Grippe, nur dauerhaft.
Psychische Belastung als Mitauslöser: Anhaltender Stress und starke Ängste können die Stressachse dauerhaft stören und so dazu beitragen, dass Fatigue entsteht oder bestehen bleibt. Das macht Fatigue nicht „eingebildet“ – es zeigt, wie eng Körper und Psyche zusammenhängen.
Es gibt nicht die eine Tumorfatigue, sondern verschiedene Ausprägungen mit unterschiedlichen Ursachen. Die Forschung arbeitet daran, diese Subtypen künftig besser zu unterscheiden, um gezielter behandeln zu können. Für Betroffene heißt das: Was hilft, ist individuell – und es lohnt sich, das eigene Muster zu verstehen.
Wer ist besonders betroffen?
Tumorfatigue kann grundsätzlich jeden treffen – unabhängig von Krebsart oder Therapie. Bestimmte Faktoren erhöhen das Risiko einer langanhaltenden Fatigue: frühere depressive Episoden, chronische Schmerzen, stark ausgeprägtes Über- oder Untergewicht, geringe soziale Unterstützung sowie ein höheres Maß an Angst. Auch wer frühzeitig gut über Fatigue informiert ist, kommt oft besser zurecht – weil die Symptome eingeordnet und rechtzeitig Hilfe gesucht werden kann.
Ursachen und Mechanismen erläutert Dr. Martina Schmidt ab Minute 6: → Video ansehen (ab 06:02 min)

Fatigue erkennen –
und richtig einordnen
Tumorfatigue lässt sich nicht im Labor messen. Eine Blutuntersuchung dient vor allem dazu, andere Ursachen auszuschließen – etwa eine Schilddrüsenunterfunktion oder eine Blutarmut. Die Fatigue selbst erfassen Fachleute über das Gespräch und über Fragebögen, zum Beispiel eine einfache Skala von 0 bis 10. Entscheidend ist: Nur die Betroffenen selbst können Schwere und Ausmaß ihrer Fatigue beurteilen – und eine unauffällige Diagnostik bedeutet nicht, dass die Fatigue nicht real ist.
Viele Betroffene kennen die Situation: In der Nachsorge heißt es „Alle Werte sind in Ordnung, Sie sind gesund“ – obwohl die Erschöpfung unverändert da ist. Das ist keine Einbildung. Fatigue zeigt sich nicht im Blutbild. Wenn Sie sich erschöpft fühlen, sprechen Sie es aktiv an, auch wenn die Befunde unauffällig sind.
Drei Beispiele, wie unterschiedlich Fatigue aussieht
Dr. Kirsten Wittke vom Charité Fatigue Centrum macht die Bandbreite an drei Fallbeispielen deutlich: Eine Frau mit früh erkanntem Brustkrebs leidet auch ein Jahr nach Therapieende unter ausgeprägter Erschöpfung – ein typischer Verlauf einer chronischen Tumorfatigue. Eine junge Frau, die nach einer Lymphom-Therapie viele Infekte hatte, zeigt dagegen eine schwere Belastungsintoleranz – hier liegt eher ein chronisches Fatigue-Syndrom vor (ME/CFS). Eine ältere Patientin mit fortgeschrittenem Eierstockkrebs hat eine Fatigue, die durch Schmerzen, Mangelernährung und Therapienebenwirkungen zugleich verstärkt wird. Drei sehr verschiedene Wege – mit jeweils anderer Behandlung.
Dr. Kirsten Wittke stellt die Fallbeispiele in der Inforeihe Krebs vor: → Video ansehen (ab 04:24 min)
Tumorfatigue ist nicht Depression
Beide gehen mit Erschöpfung und verminderter Leistungsfähigkeit einher – unterscheiden sich aber in einem zentralen Punkt. Bei einer Depression steht Interessenverlust und Lustlosigkeit im Vordergrund: Dinge, die früher Freude machten, reizen nicht mehr. Bei Tumorfatigue ist der Antrieb meist vorhanden – es fehlt die Kraft, ihn umzusetzen. Betroffene haben Ideen und Wünsche, können sie aber körperlich nicht verwirklichen.
Eine Teilnehmerin eines Fatigue-Kurses brachte den Unterschied auf den Punkt: „Als ich die Depression hatte, hatte ich keine Lust, Dinge zu machen. Jetzt mit der Fatigue habe ich keine Kraft. Ich habe ganz viele Ideen, ich möchte Dinge machen – aber mir fehlt die Kraft, sie durchzuziehen.“ Diese persönliche Beschreibung deckt sich mit dem, was Fachleute klinisch beobachten.
Die Unterscheidung ist wichtig, denn sie entscheidet über die Behandlung: Antidepressiva wirken bei Tumorfatigue ohne gleichzeitige Depression nicht. Liegt aber zusätzlich eine Depression vor – was vorkommen kann –, sollte diese gezielt behandelt werden, weil sie meist gut behandelbar ist.
Die Abgrenzung zur Depression erklärt Psychoonkologe Oliver Özöncel in der „Im Fokus“-Veranstaltung zur Psychologie: → Video ansehen (ab 19:20 min)
Tumorfatigue ist nicht ME/CFS
Das chronische Fatigue-Syndrom ME/CFS – oft im Zusammenhang mit Long Covid genannt – ähnelt der Tumorfatigue, ist aber eine eigene Erkrankung. Ihr Leitsymptom ist die Belastungsintoleranz (Post-Exertional Malaise): Schon geringe Anstrengung löst einen „Crash“ aus – einen massiven Einbruch mit grippeähnlichen Beschwerden, der Tage anhalten kann. Deshalb gilt bei ME/CFS: keine körperliche Überlastung. Nach eigenen Daten des Charité Fatigue Centrums erfüllen weniger als 5 Prozent der Menschen mit Tumorfatigue die Diagnosekriterien für ME/CFS.
Bei Tumorfatigue gilt für die meisten Betroffenen das Gegenteil: Moderate, angepasste Bewegung hilft und zählt zu den wirksamsten Maßnahmen. Deshalb ist die Unterscheidung so wichtig – sie führt zu gegensätzlichen Empfehlungen.
Bei ME/CFS kann Bewegung einen Zusammenbruch auslösen – Schonung steht im Vordergrund. Bei Tumorfatigue ist moderate, angeleitete Bewegung eine der wirksamsten Maßnahmen überhaupt. Wer unsicher ist, welche Form vorliegt, sollte das ärztlich abklären lassen – etwa, wenn nach Anstrengung regelmäßig ein tagelanger Einbruch folgt.
Die Abgrenzung zu ME/CFS erklärt Dr. Martina Schmidt in „Im Fokus“ Teil 1 (→ Video ansehen (ab 12:45 min)) und Dr. Kirsten Wittke in der Inforeihe Krebs (→ Video ansehen (ab 13:55 min)).

Was hilft bei Tumorfatigue?
Es gibt kein Medikament, das Tumorfatigue direkt behebt. Es gibt aber mehrere gut erforschte, wirksame Ansätze – am besten in Kombination und unter fachkundiger Begleitung. Fachleute sprechen von einem multimodalen Therapieansatz: Auf einer Basis aus Information und Austausch ruhen mehrere Säulen – Bewegung, Mind-Body-Verfahren, psychosoziale Strategien, Ernährung und Schlaf. Welche Bausteine im Vordergrund stehen, ist individuell verschieden.
Bewegung – der wirksamste Ansatz
Dass Bewegung bei Erschöpfung hilft, klingt zunächst widersinnig – ist aber die am besten belegte Maßnahme gegen Tumorfatigue. Hunderte Studien zeigen: Wer es schafft, während und nach der Therapie aktiv zu sein, entwickelt weniger Fatigue. Eine Vergleichsstudie fand sogar, dass Bewegungstherapie wirksamer war als eine medikamentöse oder eine rein psychoonkologische Behandlung – wobei die Kombination besonders empfehlenswert ist.
Der Grund liegt auch in der Biologie: Muskeln sind nicht nur Bewegungsapparat, sondern senden Botenstoffe aus, die Energiehaushalt und Wohlbefinden positiv beeinflussen. Wer sich aus Erschöpfung zu wenig bewegt, gerät leicht in einen Teufelskreis: Bewegungsmangel führt zu Muskelabbau, dieser verstärkt die Fatigue, was zu noch weniger Bewegung führt.
Wichtig ist die Unterscheidung von Bewegung und Sport: Körperliche Aktivität ist alles, was mehr ist als Liegen – jeder Spaziergang, jede Gartenarbeit zählt. Sport ist die geplante, gezielte Form davon. Es geht nicht um Hochleistung, sondern um moderate, an die eigene Kraft angepasste Bewegung, die Freude macht und sich durchhalten lässt.
Studien empfehlen eine Kombination aus Ausdauer und Kraft: etwa dreimal pro Woche 30 Minuten Ausdauertraining (z. B. Walken, Radfahren, Schwimmen) und zweimal pro Woche ergänzendes Krafttraining. Diese Zahlen stammen aus standardisierten Studien – andere Bewegungsformen wie Yoga sind ebenfalls wirksam. Wichtig ist: möglichst früh beginnen, im eigenen Tempo, und im Zweifel zu Beginn anleiten lassen.
Je früher man beginnt, desto besser – idealerweise schon während der Therapie, manche Fachleute raten sogar zur Vorbereitung vor Therapiebeginn. Aber auch ein späterer Einstieg lohnt sich: Selbst wer erst nach Jahren mit Bewegung anfängt, kann eine Besserung erreichen.
Lars Krause beschreibt seinen Zugang: „Bewegung, aber nicht Sport. Ich versuche, den ganzen Tag in Bewegung zu bleiben – nicht auf die Couch zu legen, weil dann der Stecker raus ist.“ Anne-Lu Kitzerow begann mit täglichen Spaziergängen und leitet heute selbst eine Wassergymnastik-Gruppe für Krebsbetroffene: „Das hätte ich früher nicht gedacht. Es tut meinem Körper so gut.“ Prof. Ralf Hafner, früher Marathonläufer, fand über die Reha zurück zur Bewegung und absolvierte später sogar einen Volkstriathlon. Drei sehr verschiedene Wege – verbunden durch dieselbe Erfahrung: Es lohnt sich, das eigene Tempo zu finden.
Sportwissenschaftlerin Verena Krell (Charité, Netzwerk OnkoAktiv) erklärt die Evidenz und den Unterschied von Bewegung und Sport in „Im Fokus“ Teil 3: → Video ansehen (ab 24:28 min). Zur Studienlage äußert sich auch Dr. Martina Schmidt in Teil 1: → Video ansehen (ab 16:06 min).
Bewegung auf Rezept – wer die Kosten trägt
Spezialisierte Bewegungsangebote für Krebsbetroffene müssen nicht selbst bezahlt werden. Es gibt mehrere Verordnungswege, die ärztlich ausgestellt werden können – auch hausärztlich oder durch die behandelnde Onkologin:
Rehabilitationssport: Eine Kassenleistung von 50 Einheiten über 18 Monate, in der Gruppe, meist einmal pro Woche. Krankengymnastik am Gerät: Eine physiotherapeutische Verordnung für kleine Gruppen mit gerätegestütztem Training unter Anleitung. Welcher Weg passt, hängt von der jeweiligen Einrichtung ab.
Eine gute erste Adresse ist das Netzwerk OnkoAktiv (netzwerk-onkoaktiv.de). Bundesweit gibt es rund 20 regionale Zentren, die kostenlos beraten und an geprüfte Therapieeinrichtungen in Wohnortnähe weitervermitteln. In Berlin ist die Abteilung für Sportmedizin der Charité das regionale Zentrum. Auch die Berliner Krebsgesellschaft hat ein eigenes „Bewegungsangebot für Krebsbetroffene“. Fragen Sie auch Ihre Krebsberatungsstelle – sie kennt die Angebote vor Ort.
Verena Krell erklärt die Verordnungswege und Kostenübernahme ausführlich: → Video ansehen (ab 37:13 min)
Ohne Druck und ohne Schuld
So klar die Bewegungsempfehlung ist – sie darf nicht zur zusätzlichen Last werden. Viele Betroffene erleben Empfehlungen wie „Sie müssen sich mehr bewegen“ als Druck oder gar als Vorwurf. Manche fragen sich sogar, ob sie an ihrer Erkrankung mitschuld seien, weil sie früher zu wenig Sport gemacht hätten. Diese Sorge ist unbegründet – und sie ist kontraproduktiv, weil sie zusätzlichen Stress erzeugt.
Anne-Lu Kitzerow fasst es so zusammen: „Man darf erschöpft sein, das ist okay. Eine Krebsdiagnose zu bekommen ist ein Trauma – man darf körperlich und seelisch erschöpft sein. Aber man kann eben auch herausfinden, was einem guttut. Und jeder kleine Schritt zählt.“ Es geht nicht um Leistung und Perfektion, sondern darum, anzufangen und etwas zu finden, das zum eigenen Leben passt.
Mind-Body, Energiemanagement und mehr
Mind-Body-Methoden – komplementäre Unterstützung
Die folgenden Methoden sind komplementäre Ansätze – sie ergänzen die medizinische Behandlung, ersetzen sie aber nicht. Welche davon für Ihre Situation geeignet sind, besprechen Sie am besten mit Ihrem Behandlungsteam.
Neben Bewegung zeigen Mind-Body-Methoden eine gute Studienlage bei Tumorfatigue. Dazu zählen Yoga, Qi Gong, Tai Chi und das achtsamkeitsbasierte Programm MBSR. Sie wirken auf mehreren Ebenen zugleich: sanfte körperliche Betätigung, geschulte Atmung und ein besserer Umgang mit innerer Anspannung. Atemübungen haben dabei messbare Effekte auf das Nervensystem und können die Schlaf-Wach-Regulation unterstützen.
Achtsamkeit fördert zudem eine Haltung der Akzeptanz – nicht im Sinne von „gut finden“, sondern: anerkennen, was ist, und von dort aus handeln. Auch Naturaufenthalte und Gartenarbeit sind eine niedrigschwellige Form davon, die viele Betroffene als erholsam erleben.
Mind-Body-Methoden werden in mehreren Veranstaltungen besprochen, u.a. von Dr. Martina Schmidt (→ Video (ab 30:02 min)) und Oliver Özöncel (→ Video (ab 27:29 min)).
Energiemanagement – die eigene Kraft einteilen
Verhaltenstherapeutische und psychoedukative Ansätze sind die dritte wichtige Säule. Ihr Kern ist eine gute Balance: zwischen Aktivität und Erholung – aber auch zwischen Pflichten und schönen, bedeutsamen Dingen, die bei begrenzter Energie oft zuerst wegfallen.
Das Energietagebuch ist dabei ein bewährtes Werkzeug: Über etwa zwei Wochen notieren Betroffene, welche Aktivität sie wann unternommen haben und wie erschöpft sie sich danach auf einer Skala von 1 bis 10 gefühlt haben. So werden Muster sichtbar – welche Tätigkeiten besonders viel Kraft kosten und zu welcher Tageszeit die Energie am höchsten ist (bei vielen am Vormittag).
Aus diesen Mustern lässt sich der Alltag günstiger gestalten: Prioritäten setzen, Aufgaben delegieren, anstrengende Tätigkeiten in die energiereichste Zeit legen, realistische Ziele setzen (etwa nur ein bis zwei anstrengende Aufgaben pro Tag) und die Woche so planen, dass auf fordernde Tage Ruhetage folgen. Das erfordert Disziplin – und manchmal, Nein zu sagen.
Die Berliner Krebsgesellschaft bietet den kostenlosen Online-Kurs „Fatigue individuell bewältigen“ an – zweimal jährlich, über sechs Wochen. Er verbindet Wissensvermittlung mit Gruppenaustausch und vermittelt konkrete Werkzeuge: Energietagebuch, Wochenplanung, Achtsamkeit und kognitive Strategien. Anmeldung und Termine: berliner-krebsgesellschaft.de
Stefan Blumenthal beschreibt einen Wendepunkt: „Ich muss jetzt in den aktiven Modus schalten. Nicht: Die Krankheit hindert mich. Sondern: Es ist meine Entscheidung.“ Diesen Perspektivwechsel – die Kontrolle zurückzugewinnen, statt sich der Erschöpfung ausgeliefert zu fühlen – beschreibt er als das, was seinen Alltag am stärksten verbessert hat.
Energiemanagement erklärt Oliver Özöncel ausführlich – in „Im Fokus“ Teil 2 (→ Video (ab 28:52 min)) und in der Inforeihe Krebs (→ Video (ab 09:11 min)).
Digitale Helfer – Apps auf Rezept
Inzwischen gibt es digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), die viele dieser Energiemanagement-Elemente bündeln und ähnlich wie ein Medikament ärztlich verordnet und von der Kasse übernommen werden können:
Die UNTIRE-App wurde an der Universität Groningen speziell für Tumorfatigue entwickelt; eine randomisierte Studie belegte ihre Wirksamkeit. Als DiGA ist sie aktuell für Brustkrebspatientinnen auf Rezept erhältlich. Die Neuronation Med-App ist eine DiGA mit Schwerpunkt auf kognitivem Training und Gedächtnis. Die FimoHealth-App ist über bestimmte Krankenkassen verfügbar und erprobt derzeit den Einsatz von tragbaren Sensoren zur Einschätzung der Belastbarkeit. Ob eine App für Ihre Situation in Frage kommt, klären Sie am besten ärztlich – bei nicht zugelassenen Indikationen übernehmen manche Kassen die Kosten auf Nachfrage.
Den digitalen Helfern widmet sich im Herbst 2026 eine eigene Veranstaltung der Fatigue-Reihe: Dann stellen die Macher der UNTIRE-App ihr Konzept im SURVIVORS HOME vor. Die Aufzeichnung wird anschließend hier in der Mediathek verfügbar sein.
Schlaf – erschöpft und trotzdem wach
Viele Fatigue-Betroffene kennen das Paradox: tagsüber erschöpft, nachts trotzdem wach. Dahinter steckt häufig die schon beschriebene Fehlregulation des Cortisolspiegels. Hier hilft eine gute Schlafhygiene: eine ruhige, dunkle und kühle Schlafumgebung, feste Schlaf- und Aufstehzeiten, eine ruhige letzte Stunde vor dem Zubettgehen ohne aufregende Nachrichten, und der Verzicht auf Koffein und Alkohol am Abend. Diese Maßnahmen helfen vielen – sie ersetzen aber keine ärztliche Abklärung anhaltender Schlafstörungen.
Schlaf und Cortisol erklärt Oliver Özöncel in „Im Fokus“ Teil 2: → Video ansehen (ab 10:29 min)

Wenn der Kopf nicht mitspielt –
die kognitive und emotionale Seite
Tumorfatigue erschöpft nicht nur den Körper. Viele Betroffene erleben, dass auch das Denken schwerer fällt – und dass die Erkrankung am Selbstbild rüttelt. Beide Dimensionen werden häufig unterschätzt.
Kognitive Fatigue: das „Chemo-Hirn“
Konzentrationsprobleme, Wortfindungsstörungen, verminderte Merkfähigkeit, verlangsamtes Denken – Fachleute fassen das unter dem Begriff krebsbedingte kognitive Dysfunktion zusammen, im Volksmund auch „Chemo-Hirn“, obwohl es nicht auf Chemotherapien beschränkt ist. Das Belastende daran: Im Alltag sind die Beschwerden deutlich spürbar, in objektiven Tests aber oft kaum messbar – was bei Betroffenen Selbstzweifel auslösen kann. Die Beschwerden sind dennoch real.
Empfohlen werden ähnliche Ansätze wie bei der allgemeinen Fatigue: körperliche Aktivierung, Achtsamkeit und gezieltes Gedächtnistraining. Hierfür gibt es auch eine DiGA – die bereits erwähnte Neuronation Med-App –, die ärztlich verordnet werden kann.
Den Umgang mit kognitiven Beschwerden erklärt Oliver Özöncel in der Inforeihe Krebs: → Video ansehen (ab 23:32 min)
Selbstwert in der Leistungsgesellschaft
Fatigue trifft Menschen in einer Gesellschaft, die Wert stark über Leistung definiert. Wer nicht mehr arbeiten kann wie früher, Termine absagen muss oder auf Hilfe angewiesen ist, erlebt oft nicht nur körperliche, sondern auch soziale und emotionale Belastung. Ein erschüttertes Selbstbild kann die Fatigue verstärken und in einen Kreislauf aus Rückzug, Scham und Isolation führen.
Psychoonkologische Begleitung kann helfen, diesen Kreislauf zu durchbrechen – indem alte Leistungsüberzeugungen hinterfragt und andere Werte gestärkt werden: Gemeinschaft, Natur, Menschlichkeit. Hilfreich ist auch eine Haltung des Selbstmitgefühls – sich selbst so zu behandeln, wie man einen guten Freund behandeln würde.
Ein Zitat aus einer psychoonkologischen Beratung bringt die Belastung auf den Punkt: „An schlechten Tagen frage ich mich schon: Was bin ich in dieser Leistungsgesellschaft wert? Wo gehöre ich hin? Wer bin ich denn?“ Solche Fragen sind ein häufiges Thema in Beratungen und Selbsthilfegruppen – und sie lassen sich bearbeiten.
Selbstwert, Leistung und der Umgang mit psychischen Belastungen sind Schwerpunkt bei Oliver Özöncel: → Video ansehen (ab 17:13 min)

Sozialrecht und zurück in den Beruf
Ein Thema belastet viele Betroffene besonders: die Anerkennung der Fatigue gegenüber Behörden, Arbeitgebern und Rententrägern. Der Grund ist strukturell. Tumorfatigue hat in Deutschland keinen eigenen ICD-Code – keine eigene Diagnosenummer im internationalen Klassifikationssystem. Sie wird nur als Symptom geführt, ähnlich wie Fieber, nicht als eigenständige Erkrankung. Das erschwert Diagnose, Abrechnung und Nachweis. Zum Vergleich: Long Covid ist als Erkrankung anerkannt, obwohl die Symptomatik ähnelt.
In Gutachten – etwa für eine Erwerbsminderungsrente – wird Fatigue daher nicht immer angemessen berücksichtigt; Betroffene berichten von wechselnder Anerkennung je nach Gutachter. Fachleute beobachten zwar, dass das Verständnis langsam wächst – verlassen kann man sich darauf aber noch nicht.
Ein bewährter Tipp aus der Praxis: Schildern Sie möglichst konkret, wie die Fatigue Ihren Alltag einschränkt – welche Tätigkeiten Sie nicht mehr schaffen, wie viele Pausen Sie brauchen, wobei Sie auf Hilfe angewiesen sind. Das Energietagebuch kann dabei als eine Art Beleg dienen. Unterstützung bieten Krebsberatungsstellen, die soziale Beratung und Integrationsfachdienste.
Lars Krause kämpft seit Jahren um die Anerkennung seiner Fatigue: „Ich bin jeden Tag damit beschäftigt und überlege: Machst du heute zu viel? Bist du wirklich krank? Der Gutachter sagt, ich übertreibe. Aber ich komme abends immer zum Schluss: Ich kann nicht mehr.“ Eine andere Betroffene berichtet: „Wenn ich einen Termin beim Jobcenter habe, kann ich eine Woche lang nicht richtig schlafen – die denken, ich würde simulieren.“ Solche Belastungen sind real und betreffen viele.
Speziell für den (Wieder-)Einstieg in den Beruf gibt es Unterstützung: Die Berliner Krebsgesellschaft veranstaltet gemeinsam mit der Selbsthilfe-Organisation Leben nach Krebs! e.V. die Reihe „Ich bin wieder da!“ mit Information und Austausch zu Orientierung, Wiedereingliederung und Kommunikation am Arbeitsplatz.
Den sozialrechtlichen Aspekten der Fatigue – von der Erwerbsminderung über Gutachten bis zur Rückkehr in den Beruf – wird sich eine kommende Veranstaltung der Fatigue-Reihe gezielt widmen. Die Aufzeichnung wird anschließend hier in der Mediathek ergänzt.
Die fehlende ICD-Anerkennung und ihre Folgen erklären Dr. Kirsten Wittke (→ Video (ab 24:04 min)) und Oliver Özöncel (→ Video (ab 19:03 min)).

Erfahrungen von Cancer Survivorn
Die folgenden Beiträge zeigen persönliche Erfahrungen von Cancer Survivorn mit Tumorfatigue – wie sie Fatigue erleben, wie sie damit umgehen und was ihnen geholfen hat. Diese Erfahrungen sind subjektiv und individuell: Was einem Menschen hilft, muss nicht für alle passen. Sie sollen Orientierung geben und das Gefühl vermitteln: Damit ist niemand allein.

Wo Sie Hilfe finden
Tumorfatigue muss niemand allein bewältigen. In Deutschland gibt es eine wachsende Zahl spezialisierter Angebote – von der psychoonkologischen Beratung über Krebsberatungsstellen bis zu Selbsthilfegruppen und Online-Kursen.
Beratung & Kurse
Berliner Krebsgesellschaft
Psychoonkologische Beratung, Fatigue-Kurs „Fatigue individuell bewältigen“ (online, 2× jährlich) und Selbsthilfegruppe Fatigue. Tel. 030 27 00 07 270
launch berliner-krebsgesellschaft.de
Charité Fatigue Centrum
Spezialsprechstunden zu ME/CFS und Post-Covid; Informationen und Literatur zur Fatigue
launch cfc.charite.de
Bayerische Krebsgesellschaft
Kostenlose, ärztlich geleitete Tumor-Fatigue-Sprechstunden an mehreren Standorten in Bayern (nur für Patienten mit Wohnsitz in Bayern)
launch bayerische-krebsgesellschaft.de
Krebsinformationsdienst (DKFZ)
Kostenlose ärztliche Beratung, täglich 8–20 Uhr. Tel. 0800 420 30 40 (kostenfrei)
launch krebsinformationsdienst.de
Landeskrebsgesellschaften
Krebsberatungsstellen in fast allen Bundesländern – auch für Angehörige, kostenlos
launch krebsgesellschaft.de
Selbsthilfe, Bewegung & Beruf
Selbsthilfegruppe Tumor-Fatigue Berlin
Monatliches Treffen bei der Berliner Krebsgesellschaft, jeden 3. Dienstag um 17:30 Uhr. Leitung: Lars Krause
launch berliner-krebsgesellschaft.de
Leben nach Krebs! e.V.
Selbsthilfe für Krebsüberlebende im erwerbsfähigen Alter, Fatigue als regelmäßiges Thema, Reihe „Ich bin wieder da!“ zum Wiedereinstieg in den Beruf
launch leben-nach-krebs.de
Netzwerk OnkoAktiv
Vermittelt bundesweit spezialisierte, wohnortnahe Bewegungsprogramme für Krebsbetroffene – kostenlose Erstberatung
launch netzwerk-onkoaktiv.de
Yoga und Krebs
Netzwerk zertifizierter Trainer mit onkologischer Zusatzausbildung, bundesweit und teils online
launch yoga-und-krebs.de
SURVIVORS HOME Berlin
Veranstaltungen zu Fatigue und anderen Krebsthemen – live und als Aufzeichnung, kostenlos
launch survivors-home.de
Weiterführende Informationen
Informationen & Broschüren
Krebsinformationsdienst DKFZ – Fatigue: Erschöpfung und Müdigkeit bei Krebs. Umfangreiche, ärztlich geprüfte Seite inkl. kostenlosem Info-PDF
launch krebsinformationsdienst.de
Deutsche Fatigue Gesellschaft e.V. – Grundlagen, Broschüren und die Übungssammlung „Fitness trotz Fatigue“
launch deutsche-fatigue-gesellschaft.de
NCT Heidelberg – Broschüre zur tumorassoziierten Fatigue, frei als PDF
launch nct-heidelberg.de
Deutsche Krebshilfe – Blauer Ratgeber „Fatigue – Chronische Müdigkeit bei Krebs“, kostenlos
launch krebshilfe.de
Deutsche Krebsgesellschaft – ONKO-Internetportal: Tumor-assoziierte Fatigue
launch krebsgesellschaft.de
Forschung & Fachinformation
Klinischer Praxisleitfaden zu krebsassoziierter Fatigue (Deutsche Fatigue Gesellschaft) – richtet sich an Ärzte, kostenlos im Internet
launch deutsche-fatigue-gesellschaft.de
DKFZ – LIFT-Projekt – Studie zur Fatigue-Versorgung in Deutschland
launch dkfz.de
Charité Fatigue Centrum – Literatur und Empfehlungen für Patienten
launch cfc.charite.de
Alle Informationen auf dieser Seite dienen der allgemeinen Wissensvermittlung und ersetzen nicht das Gespräch mit dem behandelnden Arzt. Sprechen Sie Ihre persönliche Situation, mögliche Therapiemaßnahmen und Unterstützungsangebote immer mit Ihrem Behandlungsteam ab.
Digitale Helfer (DiGA)
UNTIRE – App speziell für Tumorfatigue, als DiGA auf Rezept (derzeit für Brustkrebs zugelassen)
Neuronation Med – DiGA mit Schwerpunkt kognitives Training, ärztlich verordenbar
FimoHealth – Fatigue-App, über bestimmte Krankenkassen verfügbar