Leben mit einem Lymphom: Umgang mit Ängsten und Unsicherheiten
Dies ist ein Veranstaltungsinhalt von SURVIVORS HOME am 16.09.2026.
Eine Lymphomerkrankung verändert den Alltag oft grundlegend – körperlich wie seelisch. In diesem Videobeitrag erläutert Isabell Schultze, warum Ängste und Unsicherheiten dabei eine normale Reaktion sind und welche Strategien im Umgang mit ihnen helfen können. Isabell Schultze ist Psychoonkologin an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie der Charité, Campus Benjamin Franklin. Der Beitrag entsteht am 16. September 2026 im SURVIVORS HOME im Rahmen der InfoReihe KREBS und schließt an den medizinischen Teil von Dr. Celine Liem an.
Lymphome: seltener als andere Krebsarten, aber nicht selten
Non-Hodgkin-Lymphome stehen nach Daten des Zentrums für Krebsregisterdaten an siebter Stelle der Krebs-Neuerkrankungen in Deutschland und machen etwa 3,4 bis 3,6 Prozent aus. Im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen sind häufiger jüngere Menschen betroffen. Wer mitten im Berufsleben steht oder Kinder versorgt, steht damit vor anderen Fragen als Menschen, die mit 60 oder 70 Jahren erkranken.
Wenn die Diagnose lange auf sich warten lässt
Viele Betroffene berichten, dass körperliche Beschwerden schon länger bestehen, bevor die Diagnose feststeht. Typisch sind eine reduzierte Leistungsfähigkeit, geschwollene Lymphknoten, Gewichtsverlust, Fieber, Nachtschweiß und Veränderungen im Blutbild. Isabell Schultze beschreibt diese Phase der Ungewissheit als eine der belastendsten: Manche Betroffene beginnen daran zu zweifeln, ob sie sich die Beschwerden nur einbilden.
Eine weitere Besonderheit: Bei Lymphomen steht in der Regel keine Operation am Beginn der Behandlung. Stattdessen kommen Therapien zum Einsatz, die auf den gesamten Körper wirken – oder es wird zunächst beobachtet. Für manche Betroffene ist es schwer auszuhalten, dass sich der Behandlungserfolg erst nach einer Wartezeit in den Zwischenuntersuchungen zeigt.
Körperliche Veränderungen im Behandlungsverlauf
Ein geschwächtes Immunsystem führt bei vielen Menschen zu Unsicherheit im Alltag: Sind öffentliche Verkehrsmittel noch möglich, sind Besuche bei den Enkeln vertretbar? Dazu kommen Appetitverlust und Geschmacksveränderungen, eine ausgeprägte Erschöpfung – die tumorbedingte Fatigue – sowie häufig ein verändertes Aussehen durch Haarverlust. Auch praktische Fragen spielen eine Rolle, etwa ob eine Perücke getragen werden soll und wie sie aussehen darf.
Nicht alle Veränderungen werden negativ erlebt. Wenn geschwollene Lymphknoten im Behandlungsverlauf wieder kleiner werden, empfinden viele Betroffene das als sichtbares und entlastendes Zeichen.
Auswirkungen auf Alltag, Beruf und soziale Kontakte
Nach einer Untersuchung von Mojs, Warchoł-Biedermann und Samborski (2017) erleben etwa 36 Prozent der Menschen mit einem Lymphom eine erhöhte psychische Belastung. Isabell Schultze liest darin zwei Botschaften: Die Belastung ist real und hat gute Gründe – und zugleich findet ein großer Teil der Betroffenen einen tragfähigen Umgang mit der Erkrankung.
Am Anfang steht häufig ein Diagnoseschock. Längere Krankschreibungen verändern den Tagesrhythmus, die gewohnte Struktur fällt weg, es gibt weniger Ablenkung. Weil der Beruf für viele Menschen auch den Selbstwert trägt, taucht manchmal die Frage auf, wer man außerhalb der eigenen Rolle im Arbeitsleben eigentlich ist. Soziale Kontakte werden seltener – aus Sorge vor Infektionen, aus Energiemangel, wegen Klinikaufenthalten oder weil Betroffene die Erkrankung bewusst nicht öffentlich machen wollen. Dazu kommen sehr unterschiedliche Reaktionen im Umfeld: von tragender Unterstützung bis zu Bekannten, die den Kontakt meiden.
Angehörige sind oft ähnlich belastet
Studien zeigen eine vergleichbare Belastung bei Angehörigen. Sorgen und Fragen betreffen das gesamte familiäre Umfeld, zusätzlich verschiebt sich die Rollenverteilung im Alltag, wenn bisherige Aufgaben nicht mehr übernommen werden können.
Angst ist eine normale Reaktion
Angst ist keine Fehlreaktion, sondern eine angeborene Antwort auf eine bedrohliche Situation. Sie hat auch eine schützende Funktion: Sorgen motivieren viele Menschen dazu, sich zu informieren und eine gute medizinische Versorgung zu suchen. Wie sich Angst zeigt, ist sehr unterschiedlich – von intensiver Informationssuche über körperliche Angstsymptome wie Herzklopfen, muskuläre Anspannung oder schnellere Atmung bis zum Gegenteil: dem bewussten Vermeiden von Informationen und Situationen, die an die Erkrankung erinnern.
Häufig ist auch ein verstärktes Hineinspüren in den Körper. Jede ungewohnte Empfindung wirft dann die Frage auf, ob sie mit der Erkrankung oder mit Nebenwirkungen zu tun hat. In sehr starken Angstmomenten kann der Eindruck entstehen, wie gelähmt zu sein und nicht mehr klar denken zu können. Diese Zustände sind meist kurz und regulieren sich in der Regel von selbst.
Selbstmitgefühl als Ausgangspunkt
Der erste Schritt besteht darin, die Situation als schwierig anzuerkennen, statt sich für die eigenen Gefühle zu kritisieren. Isabell Schultze verweist auf ein bekanntes Muster: Mit nahestehenden Menschen gehen die meisten deutlich freundlicher um als mit sich selbst. In belastenden Phasen darf der eigene Anspruch niedriger liegen.
Bewegung, Ablenkung und angenehme Sinnesreize
An erster Stelle der Selbstberuhigung steht bewusst Bewegung und nicht Sport. Gemeint ist jede Form von Aktivität, die gerade möglich ist: ein Spaziergang, eine Runde über den Klinikflur, Fußbewegungen im Bett oder eine Übung mit dem Theraband. Bewegung baut körperliche Anspannung ab und verbessert die Stimmung.
Ablenkung wirkt besonders gut, wenn sie vorbereitet ist. Der Hinweis lautet, schon vorab zu überlegen, welche Situationen anstrengend werden – etwa ein Klinikaufenthalt – und passende Dinge mitzunehmen: Filme, Zeitschriften, Rätsel, Handarbeiten. Ergänzend helfen angenehme Sinnesreize: Naturbilder, Farben, Düfte oder bequeme Kleidung. Solche Reize erreichen Menschen oft auch dann, wenn die Gedanken bereits kreisen.
Entspannungstechniken brauchen Übung
Progressive Muskelentspannung, autogenes Training und Atemübungen gelten als gut wirksam bei Anspannung und Ängsten. Welche Methode passt, ist individuell und lohnt das Ausprobieren. Entscheidend ist das regelmäßige Üben: Je vertrauter eine Technik ist, desto besser funktioniert sie in angespannten Situationen. Sinnvoll ist es, in Phasen zu beginnen, in denen es einem vergleichsweise gut geht.
Umgang mit Grübelgedanken
Informationssuche hilft – in angemessenem Maß. Manche Menschen brauchen viele Informationen, um sich sicher zu fühlen, andere geraten dadurch stärker unter Druck. Isabell Schultze empfiehlt, regelmäßig zu prüfen, ob die Suche noch guttut oder ob sie die Anspannung steigert. In besonders angstvollen Phasen kann es sinnvoll sein, die Recherche bewusst auszusetzen.
Für Arztgespräche gilt: Fragen vorher aufschreiben, im Gespräch Notizen machen, bei Bedarf eine Begleitperson mitnehmen. Bei kreisenden Gedanken hilft ein begrenztes Zeitfenster, etwa 30 Minuten, in dem die Sorgen aufgeschrieben oder mit einer vertrauten Person besprochen werden. Ausgesprochene oder notierte Gedanken lassen sich besser eingrenzen als ein Gedankenkarussell im Kopf.
Die Technik „Zu-Ende-Denken“
Bei wiederkehrenden Befürchtungen stammt eine hilfreiche Methode aus der Psychotherapie: Was genau wird befürchtet? Wie sähe der schlimmste Fall aus, wie wahrscheinlich ist er, und was ließe sich dann tun? Anschließend folgt bewusst der Perspektivwechsel auf den besten Fall und dessen Wahrscheinlichkeit. Der Hintergrund: Die menschliche Aufmerksamkeit richtet sich sehr schnell auf Negatives – der Blick auf günstige Verläufe muss aktiv hergestellt werden. Die Technik erfordert Mut und eignet sich nicht für jede Situation.
Ängste vor und nach Kontrolluntersuchungen
Rund um Untersuchungstermine nehmen Ängste bei vielen Menschen zu. Die häufigsten Sorgen: ob die Therapie gewirkt hat und ob die Erkrankung zurückkehrt. Isabell Schultze empfiehlt, diese Tage bewusst zu planen: unangenehme Aufgaben nach Möglichkeit verschieben, genug Zeit für Wohltuendes einplanen und für den Tag der Untersuchung oder der Befundbesprechung einen bewussten Gegenpol setzen. Das kann ein Treffen mit einem vertrauten Menschen sein oder, wie im Beispiel einer Patientin, der feste Besuch im Lieblingscafé nach jedem Nachsorgetermin.
Wann zusätzliche Unterstützung sinnvoll ist
Es gibt Situationen, in denen eigene Strategien nicht mehr ausreichen. Als Anzeichen nennt Isabell Schultze:
- Es gibt kaum noch Stunden oder Tage ohne Angsterleben.
- Die Angst verstärkt Krankheitssymptome oder Nebenwirkungen, etwa Schmerzen oder Übelkeit.
- Notwendige Untersuchungstermine oder Behandlungen lassen sich kaum noch wahrnehmen.
Wo es Unterstützung gibt
In Kliniken ist der psychoonkologische Dienst die erste Anlaufstelle – Ärzte und Pflegepersonal stellen den Kontakt her. Darüber hinaus gibt es ambulante Krebsberatungsstellen, Selbsthilfegruppen und niedergelassene Praxen für Psychotherapie. Isabell Schultze ermutigt ausdrücklich dazu, Wartezeiten in Kauf zu nehmen: Wer sich nicht anmeldet, erhält auch keinen Therapieplatz.
- Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums – bundesweite Suche nach Beratungsstellen
- Berliner Krebsgesellschaft
- Krebsberatungsstelle der Charité, Campus Mitte
- Deutsche Leukämie- & Lymphom-Hilfe: Selbsthilfegruppen
- Eisvogel e.V. – Selbsthilfe junger Erwachsener mit Krebs
- therapie.de und psych-info.de – Suche nach Psychotherapieplätzen
Das Wichtigste in Kürze
- Ängste und Unsicherheiten sind eine normale Reaktion und verändern sich im Krankheitsverlauf.
- Der Umgang damit ist sehr individuell – hilfreich ist, verschiedene Strategien auszuprobieren und die passenden beizubehalten.
- Je häufiger eine Strategie geübt wird, desto besser wirkt sie. Der Einstieg gelingt in weniger belastenden Situationen leichter.
- Unterstützung ist angezeigt, wenn Angst den Alltag deutlich einschränkt oder notwendige Untersuchungen und Behandlungen behindert.
Fragen aus dem Publikum
Alle sagen mir, ich soll stark sein und positiv denken. Wie gehe ich damit um?
Solche Sätze sind in der Regel gut gemeint und sollen Mut machen. Gleichzeitig können sie Druck erzeugen, weil es Phasen gibt, in denen man sich ganz anders fühlt. Isabell Schultze rät, das im engeren Umfeld offen anzusprechen: Die gute Absicht anerkennen und zugleich benennen, dass der Hinweis gerade nicht hilft. Für die Annahme, dass Sorgen den Krankheitsverlauf beeinflussen, gibt es keine belastbare Studiengrundlage. Wenn Sorgen da sind, geht es darum, einen Umgang mit ihnen zu finden – nicht darum, sie zu unterdrücken.
Warum fühle ich mich wertlos und erschöpft, obwohl die Aussichten gut sind?
Eine Krebserkrankung ist ein tiefer Einschnitt in den Alltag – unabhängig davon, wie die Aussichten eingeschätzt werden. Niemand durchläuft eine belastende Behandlung gern. Dazu kommt der Verlust der körperlichen Unversehrtheit und das Wissen um eine ernste Erkrankung. Traurigkeit und Antriebslosigkeit sind in dieser Situation normal, und es ist ebenso normal, dass diese Gefühle im Verlauf schwanken. Isabell Schultze hält es für wichtig, das anzuerkennen statt sich dafür zu kritisieren.
Gibt es Untersuchungen dazu, wie unterschiedliche Krebsarten seelisch belasten?
Bekannt ist, dass verschiedene Krebserkrankungen mit unterschiedlich hohen Raten psychischer Belastung einhergehen. Besonders hoch ist die Belastung häufig dort, wo die Erkrankung von außen sichtbar ist, etwa im Gesichtsbereich. Eine Untersuchung, die das speziell für Lymphome ausdifferenziert, ist Isabell Schultze nicht bekannt – sie bezeichnet die Frage als offene und interessante Forschungsfrage.
Wie hält man es aus, wenn zunächst abgewartet und nur kontrolliert wird?
Bei manchen langsam wachsenden oder chronisch verlaufenden Erkrankungen ist zu Beginn keine Behandlung erforderlich; stattdessen wird regelmäßig kontrolliert. Für Betroffene ist das eine Herausforderung. Isabell Schultze empfiehlt auch hier den bewussten Perspektivwechsel: In dieser Phase treten keine Nebenwirkungen einer Behandlung auf, und der Körper bleibt unbelastet. Hilfreich kann sein, sich vorab darüber zu informieren, wie eine spätere Behandlung ablaufen würde – und zugleich bewusst festzuhalten, dass dieser Zeitpunkt noch nicht gekommen ist. Ob und wann behandelt wird, entscheidet immer das behandelnde Team gemeinsam mit den Betroffenen.
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- coronavirus Hodgkin-Lymphom Non-Hodgkin-Lymphom
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