InfoReihe KREBS: Wenn Essen zur Herausforderung wird – Ernährung bei Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust
Dies ist ein Veranstaltungsinhalt von SURVIVORS HOME am 14.10.2026.
Appetitlosigkeit, Geschmacksveränderungen und ungewollter Gewichtsverlust gehören zu den häufigen Begleiterscheinungen einer Krebserkrankung und ihrer Behandlung. Im zweiten Teil der InfoReihe KREBS zum Thema Ernährung zeigt Katja Cattien, Diätassistentin und Diabetesberaterin DDG im Ernährungsteam der Charité, welche kleinen Veränderungen im Alltag helfen können, mehr Energie und Eiweiß aufzunehmen. Die Moderation übernimmt Kristina Röntgen, Psychoonkologin an der Charité.
Die InfoReihe KREBS entsteht gemeinsam mit dem Charité Comprehensive Cancer Center. Im ersten Teil des Abends gibt Ann-Sophie Vetter von der Lilie einen Überblick über Ernährungsempfehlungen: Ernährung – Orientierung im Dschungel der Empfehlungen.
Wenn der Appetit fehlt
Viele Betroffene beschreiben, dass sie früher gerne gegessen haben und nun kaum noch etwas herunterbekommen. Das Essen schmeckt anders, schon nach wenigen Bissen stellt sich ein Sättigungsgefühl ein, hinzu kommen Übelkeit, Schmerzen oder Verdauungsprobleme. Oft entsteht zusätzlicher Druck, auch weil sich Angehörige Sorgen machen. Die Folge sind weniger Kraft und ein schleichender Gewichtsverlust.
Warum der Stoffwechsel eine Rolle spielt
Bei einer Krebserkrankung arbeitet der Stoffwechsel anders als bei reinem Hunger. Bei längerem Fasten stellt sich der Körper um und schont seine Eiweißreserven. Im Tumorstoffwechsel dagegen kann der Körper Zucker (Glukose) schlechter verwerten, Entzündungsprozesse laufen ab, und er greift verstärkt auf Eiweiß aus den Muskeln zurück. Da die Muskelmasse mit zunehmendem Alter ohnehin abnimmt, ist eine ausreichende Versorgung mit Energie und Eiweiß besonders wichtig.
Warum eine gute Ernährung so wichtig ist
Eine ausreichende Ernährung unterstützt Muskelkraft und Beweglichkeit, das Immunsystem und die Wundheilung, die Belastbarkeit im Alltag und die Lebensqualität. Werden über längere Zeit zu wenig Energie, Eiweiß, Vitamine und Mineralstoffe aufgenommen, entsteht eine Mangelernährung. Erkennbar wird sie oft an locker sitzender Kleidung, zunehmender Erschöpfung und kleiner werdenden Mahlzeiten. Hilfreich ist eine einfache Selbsteinschätzung: Welcher Anteil einer früher üblichen Portion wird heute noch gegessen – die Hälfte, ein Drittel oder nur ein Viertel?
Ursachen: Wenn Essen zur Herausforderung wird
Die Gründe sind vielfältig: Fatigue, also eine ausgeprägte Erschöpfung, die schon das Zubereiten von Mahlzeiten erschwert; therapiebedingte Beschwerden wie ein metallischer Geschmack oder Entzündungen im Mund; psychische Belastungen, die manchen Menschen den Appetit ganz nehmen; Zahnbehandlungen. Hinzu kommt ein körpereigenes Notprogramm: Nach Phasen, in denen wenig oder nichts gegessen wird – etwa rund um Operationen oder Untersuchungen –, verkleinert sich der Magen, und das Hungergefühl lässt weiter nach.
Kein Appetit, frühe Sättigung und Müdigkeit
Wer keinen Hunger verspürt, sollte nicht darauf warten. Katja Cattien empfiehlt, nach festen Zeiten zu essen – etwa mit einer Erinnerung auf dem Handy – und die Mahlzeit angenehm zu gestalten, gern gemeinsam mit der Familie. Oft stellt sich der Appetit erst beim Essen ein.
Statt drei großer Mahlzeiten sind fünf bis sechs kleine leichter zu bewältigen. Wer nur ein halbes Brötchen schafft, kann die zweite Hälfte zwei bis drei Stunden später essen. Bei störenden Gerüchen helfen Lüften und kalte Speisen, die weniger stark riechen. Fehlt morgens der Appetit, genügt eine Kleinigkeit, zum Beispiel griechischer Joghurt mit etwas Nussmus und Banane. Die größte Mahlzeit gehört in die Tageszeit mit dem besten Appetit.
Wer zu erschöpft zum Kochen ist, kann auf Tiefkühlgerichte, vorbereitete Zutaten oder schnell zubereitete Beilagen zurückgreifen. Auch Unterstützung von außen ist möglich: Nachbarschaftshilfe beim Einkaufen, Liefer- und Menüdienste oder – nach Rücksprache mit dem Sozialdienst oder den behandelnden Ärzten – eine Haushaltshilfe.
Grundsätzlich gilt: kleine Portionen mit vielen Kalorien. Was früher eher gemieden wurde, ist jetzt ausdrücklich erwünscht. Ebenso wichtig ist es, den Druck herauszunehmen, denn Stress kann den Appetit zusätzlich hemmen.
Wenn jeder Bissen schwerfällt
Bei Geschmacksveränderungen wie einem metallischen Geschmack kann es helfen, Kunststoffbesteck auszuprobieren, Speisen anders zu würzen oder kalte Gerichte zu testen. Fallen einzelne Lebensmittelgruppen weg, etwa Fleisch, lassen sich Nährstoffe über andere Lebensmittel oder ergänzende Trinknahrung decken. Schmeckt alles fade, können Kräuter, Gewürze und etwas Säure helfen, sofern sie vertragen werden.
Bei trockenem Mund erleichtern Soßen, Dips, Suppen und breiige Speisen wie Grießbrei oder Milchreis das Essen. Eiswürfel lutschen, Kaugummi kauen, befeuchtete Mundtupfer oder regelmäßige kleine Schlucke Wasser können den Speichelfluss unterstützen. Bei einer entzündeten Mundschleimhaut sind weiche, milde und kühle Speisen besser verträglich; saure, harte und scharfe Lebensmittel sollten gemieden werden. Bei Schmerzen beim Kauen bieten sich pürierte Gerichte, cremige Aufläufe oder weiches Rührei an – angereichert etwa mit Eigelb oder Sahne.
Schluckbeschwerden sollten ärztlich abgeklärt werden, gegebenenfalls mit einer Untersuchung des Schluckens durch Logopäden. Welche Konsistenz der Speisen geeignet ist, wird individuell festgelegt. Speisen und Getränke sollten nicht ohne fachliche Empfehlung eigenständig angedickt werden.
Übelkeit, Erbrechen und Verdauungsprobleme
Bei Übelkeit kann ein leerer Magen die Beschwerden verstärken. Manchen hilft es, schon morgens im Bett etwas Zwieback oder ein bis zwei Esslöffel Haferflocken zu essen. Auch Ingwer, gekaut oder als Tee, wird von einigen als hilfreich empfunden; die Wirkung ist individuell verschieden. Ist die Übelkeit therapiebedingt, sollten Medikamente ärztlich geprüft werden. Bei Erbrechen stehen die ärztliche Abklärung und der Ausgleich von Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten im Vordergrund. Ist Essen gar nicht möglich, kann vorübergehend eine Ernährung über die Vene notwendig sein.
Bei Durchfall ist ausreichendes Trinken wichtig, gegebenenfalls mit einer Elektrolytlösung. Die Ursache sollte geklärt werden: Liegt keine bakterielle Infektion vor, können Lebensmittel helfen, die Wasser binden und den Stuhl eindicken. Bei Verstopfung helfen ausreichend Flüssigkeit – eine Trink-App kann daran erinnern –, Bewegung und gut verträgliche Ballaststoffe. Reicht das nicht aus, gibt es medikamentöse Möglichkeiten.
Bei Blähungen und Völlegefühl helfen kleine Portionen, langsames Essen, Bewegung und Wärme. Ballaststoffärmere Lebensmittel wie Möhren sind oft besser verträglich als stark blähende wie Rosenkohl. Getränke werden besser zwischen den Mahlzeiten getrunken, damit der Magen nicht zusätzlich gefüllt wird.
Beim Reflux, dem Rückfluss von Magensäure in die Speiseröhre, sind kleinere Mahlzeiten günstig. Sehr fettreiche Speisen bleiben länger im Magen und können den Rückfluss begünstigen. Aufrecht bleiben nach dem Essen, auf späte große Mahlzeiten verzichten und mit leicht erhöhtem Oberkörper schlafen kann die Beschwerden verringern. Bauchschmerzen sollten immer ärztlich abgeklärt werden.
Wie viel Energie und Eiweiß brauche ich?
Als Orientierung nennt Katja Cattien 25 bis 30 Kilokalorien und etwa 1,0 bis 1,5 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, je nach Erkrankung und individueller Situation. Bei 70 Kilogramm sind das rund 1.750 bis 2.100 Kilokalorien und 84 bis 105 Gramm Eiweiß – etwa 25 bis 35 Gramm pro Hauptmahlzeit. Diese Menge erreichen selbst gesunde Menschen nicht immer. Den persönlichen Bedarf klären Betroffene am besten mit dem Behandlungsteam oder einer Ernährungsfachkraft.
Erst Eiweiß, dann Energie
Auf einem Teller nach dem Modell der gesunden Ernährung liegen eine Eiweißquelle, eine Beilage wie Nudeln und Gemüse. Viele greifen zuerst zum Gemüse, weil es als besonders gesund gilt. Gemüse liefert jedoch kaum Energie und Eiweiß und füllt den Magen. Wer nur einen Teil der Portion schafft, sollte deshalb zuerst die Eiweißquelle, dann die Kohlenhydrate und zuletzt das Gemüse essen. Der Hintergrund: Reicht die Energie nicht aus, nutzt der Körper Eiweiß zur Energiegewinnung. Stammt dieses Eiweiß aus der Nahrung, werden die Muskeln geschont.
So lässt sich der Speiseplan anreichern
Ein Beispiel aus dem Vortrag zeigt den Unterschied. Ein Tag mit Weißbrot, Fruchtjoghurt, einer halben Portion Kartoffelbrei, Pudding, Kuchen und Tee kommt auf rund 1.150 Kilokalorien und 26 Gramm Eiweiß. Mit Brötchen und Quark, Sahnejoghurt, etwas Fleisch zum Mittagessen, Milchreis, einer Trinknahrung, Graubrot mit Käse und Ei sowie Kakao sind es rund 2.000 Kilokalorien und knapp 90 Gramm Eiweiß. Die Werte sind gerundete Schätzwerte und hängen von Produkten und Portionsgrößen ab.
Mehr Energie bringen Öl oder Butter, Sahne, Mascarpone oder Crème fraîche, Nussmus in Brei, Joghurt oder Beilagen sowie Käse über warmen Gerichten. Mehr Eiweiß liefern Quark oder Skyr, Eier und Käse, Fisch und Fleisch, Tofu und Hülsenfrüchte. Zur Orientierung: 100 Gramm Fisch enthalten rund 25 Gramm Eiweiß, ein Stück Fleisch rund 20 Gramm. Auch ein Stück Käse oder Wurst zwischendurch ist ausdrücklich erwünscht.
Sechs Tipps für den Alltag
- Regelmäßig essen – auch ohne Hungergefühl.
- Trinknahrung einsetzen, wenn weniger gegessen wird als früher.
- Lieber fünf kleine als drei große Mahlzeiten.
- Jede Mahlzeit mit Energie und Eiweiß aufwerten.
- Gewicht und Essmenge regelmäßig beobachten.
- Frühzeitig Hilfe annehmen und Beschwerden behandeln lassen.
Weitere Möglichkeiten und Unterstützung
Reicht die normale Ernährung nicht aus, gibt es abgestufte Möglichkeiten: Trinknahrung, also energie- und eiweißreiche Fertiggetränke mit Vitaminen und Mineralstoffen, die enterale Ernährung über eine Sonde in Magen oder Darm und die parenterale Ernährung über die Vene. Katja Cattien rät, solche Schritte frühzeitig ärztlich zu besprechen, bevor das Gewicht deutlich sinkt. Nach ihrer Erfahrung kann eine vorübergehende künstliche Ernährung manchen Betroffenen helfen, aus einer Phase sehr geringer Nahrungsaufnahme herauszukommen; bei einem Teil kehrt danach der Appetit zurück.
Unterstützung bietet auch eine professionelle Ernährungsberatung. Nach Angabe von Katja Cattien bezuschussen Krankenkassen in der Regel fünf Beratungstermine; Umfang und Höhe des Zuschusses unterscheiden sich je nach Kasse. Benötigt werden eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung und ein Kostenvoranschlag der Ernährungsfachkraft. Qualifizierte Fachkräfte finden sich unter anderem über den Verband der Diätassistenten (VDD), den Berufsverband Oecotrophologie (VDOE), die Expertensuche von E-Zert und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE).
Fragen aus dem Publikum
Sollte man Rohmilchprodukte, rohes Fleisch oder Sushi meiden?
Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Entscheidend ist der Zustand des Immunsystems. Ist es geschwächt, etwa während einer Therapie oder nach einer Transplantation, steigt – ähnlich wie in der Schwangerschaft – das Risiko, sich über rohe Lebensmittel mit Keimen wie Salmonellen oder Listerien zu infizieren. Eine solche Infektion wäre während einer laufenden Behandlung besonders ungünstig. Katja Cattien rät dann eher dazu, auf rohe Lebensmittel zu verzichten und Rohmilch vor dem Verzehr ausreichend zu erhitzen. Wie es um das Immunsystem steht, zeigen die Blutwerte; das lässt sich mit dem behandelnden Arzt besprechen.
Kann Trinknahrung Durchfall verursachen?
Ja, das ist möglich. Eine typische Portion Trinknahrung liefert etwa 400 Kilokalorien und 20 Gramm Eiweiß – ungefähr so viel wie zwei belegte Brotscheiben. An die hohe Konzentration gelöster Teilchen, die sogenannte Osmolarität, ist der Darm nicht gewöhnt. Er zieht daraufhin Wasser aus dem Gewebe, und es kann zu Durchfall kommen. Katja Cattien empfiehlt deshalb, langsam zu beginnen: einen kleinen Schluck nehmen, etwa eine halbe Stunde warten und die Menge über einige Tage steigern. Hat sich der Darm daran gewöhnt, kann die Trinknahrung zügiger getrunken werden.
Ist Kokosmilch besonders gut für den Darm?
Ein einzelnes Lebensmittel mit besonderer Wirkung gibt es nicht – entscheidend sind Menge und Vielfalt. Wer Kokosmilch mag und gut verträgt, kann sie gern verwenden. Sie liefert allerdings vor allem Fett und kaum Eiweiß. Katja Cattien rät, sie mit einer Eiweißquelle wie Hähnchen, Tofu oder Seitan zu kombinieren und zwischendurch auch Sahne zu verwenden.
Sind pflanzliche Wurstalternativen, etwa aus Erbsenprotein, empfehlenswert?
Zu einzelnen Produkten fehlen häufig Langzeitdaten. Für stark verarbeitete Lebensmittel insgesamt gibt es Hinweise, dass sie umso ungünstiger sind, je stärker sie verarbeitet sind. Zur Orientierung empfiehlt Katja Cattien Produkttests, etwa von Stiftung Warentest oder Öko-Test, sowie Informationen des Bundesinstituts für Risikobewertung. Pflanzliches Eiweiß ist grundsätzlich eine gute Quelle; tierisches Eiweiß ist nach ihrer Einschätzung dem körpereigenen Eiweiß ähnlicher und damit hochwertiger. Wer Eiweißpulver nutzt, sollte nach ihrer Empfehlung auf einen hohen Eiweißgehalt von rund 80 Gramm pro 100 Gramm achten.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung. Bitte besprechen Sie Ihre persönliche Situation mit Ihrem behandelnden Arzt.
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