Lymphome: Diagnostik und aktuelle Therapiemöglichkeiten
Dies ist ein Veranstaltungsinhalt von SURVIVORS HOME am 16.09.2026.
Lymphome sind bösartige Erkrankungen des lymphatischen Systems, umgangssprachlich auch Lymphdrüsenkrebs genannt. In diesem Videobeitrag der Wissensreihe InfoReihe KREBS gibt Dr. med. Celine Liem, Ärztin in Weiterbildung und Clinician Scientist in der Arbeitsgruppe translationale Lymphomforschung an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie der Charité (Campus Benjamin Franklin), einen allgemein verständlichen Überblick über Krankheitsbild, Diagnostik und Therapieprinzipien.
Was ein Lymphom ist
Das lymphatische System ist Teil des Immunsystems. Zu ihm gehören das Knochenmark, in dem die Blutbildung stattfindet, sowie die Lymphknoten und der Thymus. Eine zentrale Rolle spielen zwei Arten von Lymphozyten: B-Zellen produzieren Antikörper, T-Zellen können infizierte oder entartete Zellen gezielt abtöten. Wenn B- oder T-Zellen anfangen, sich unkontrolliert zu vermehren, spricht man von einem malignen Lymphom.
In Deutschland treten jährlich rund 27.000 Neuerkrankungen auf, das entspricht etwa 3,4 bis 3,9 Prozent aller Krebserkrankungen. Am häufigsten sind Menschen zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr betroffen, grundsätzlich kann ein Lymphom aber in jedem Lebensalter auftreten. Die WHO unterscheidet mehr als 50 verschiedene Unterarten, die sich in Verlauf, Prognose und Behandlung deutlich unterscheiden.
Eingeteilt wird nach der Ursprungszelle (B-Zell- oder T-Zell-Lymphom), nach der Zugehörigkeit zum Hodgkin-Lymphom oder zu den Non-Hodgkin-Lymphomen sowie nach der Wachstumsgeschwindigkeit: indolente Lymphome wachsen langsam, aggressive Lymphome schnell. Ein schnelles Wachstum bedeutet dabei nicht automatisch eine ungünstigere Prognose.
Wie ein Lymphom entsteht
Im Laufe des Lebens können B- oder T-Zellen Veränderungen im Erbgut erwerben, etwa Chromosomenveränderungen oder Genmutationen. Diese Veränderungen ermöglichen das unkontrollierte Wachstum. Welche Veränderungen auftreten, unterscheidet sich je nach Lymphomart.
Als Risikofaktoren gelten unter anderem radioaktive Strahlung, bestimmte chemische Substanzen wie Benzol, eine Immunschwäche – etwa bei angeborenem Immundefekt oder bei dauerhafter Einnahme immunsupprimierender Medikamente nach Organtransplantation – sowie bestimmte Viruserkrankungen wie HIV oder EBV.
Mögliche Symptome
Zu den Allgemeinsymptomen, den sogenannten B-Symptomen, zählen Fieber über 38 Grad ohne erkennbare Ursache, Nachtschweiß mit Wäschewechsel und ein ungewollter Gewichtsverlust von mehr als zehn Prozent des Körpergewichts innerhalb von sechs Monaten. Diese Symptome treten auch bei anderen Tumorerkrankungen auf.
Typischer für Lymphome sind schmerzlos geschwollene Lymphknoten an Hals, Achsel oder Leiste. Hinzu kommen können verminderter Appetit, Übelkeit, Müdigkeit, Blässe, Abgeschlagenheit und eine erhöhte Infektneigung. Sind Lymphknoten im Bauchraum betroffen oder ist die Milz vergrößert, kann ein Völlegefühl entstehen. Der Ort der Manifestation bestimmt maßgeblich, welche Beschwerden auftreten.
Wie die Diagnose gestellt wird
Am Anfang stehen Anamnese und körperliche Untersuchung, bei der vergrößerte Lymphknoten abgetastet werden. Es folgt eine Blutuntersuchung mit Blutbild und Differenzialblutbild. In der Durchflusszytometrie lassen sich Oberflächenmarker der Blutzellen genauer bestimmen. Die Blutwerte geben außerdem Auskunft über die Funktion von Niere und Leber – eine Information, die für die spätere Therapieplanung wichtig ist.
Gesichert wird die Diagnose durch die Entnahme eines Lymphknotens. In diesem kleinen chirurgischen Eingriff wird Gewebe gewonnen, das anschließend mikroskopisch untersucht wird. Anhand der Zellform und zusätzlicher Färbungen kann die Pathologie in der Regel bestimmen, ob und welche Art von Lymphom vorliegt. Die molekulare Diagnostik ergänzt diese Typisierung und liefert Hinweise auf geeignete Therapieansätze.
Zum Abschluss folgen Bildgebung und Staging. Neben dem Ultraschall kommt meist eine Computertomografie des ganzen Körpers zum Einsatz, alternativ ein PET-CT, in dem stoffwechselaktive Bereiche besonders deutlich sichtbar werden. Um zu klären, ob das Knochenmark beteiligt ist, kann zusätzlich eine Knochenmarkspunktion erfolgen.
Therapieprinzipien im Überblick
Die Hämatoonkologie arbeitet interdisziplinär. Die Chirurgie spielt beim Lymphom eine nachrangige Rolle, ebenso die Hormontherapie, die vor allem bei anderen Tumorarten relevant ist. Die Strahlentherapie nutzt ionisierende Strahlung, um Tumorzellen in einem definierten Areal gezielt abzutöten.
Im Zentrum steht die Systemtherapie. Dazu gehören die zytotoxische Chemotherapie, zielgerichtete Substanzen (Small Molecules) sowie die Immuntherapien – etwa monoklonale Antikörper, Checkpointinhibitoren, die Stammzelltransplantation und zelluläre Verfahren wie die CAR-T-Zelltherapie. Ergänzend kommt die Supportivtherapie hinzu.
Chemotherapie und ihre Nebenwirkungen
Die Chemotherapie wird in der Regel über ein einliegendes Portsystem infundiert und wirkt über die Blutbahn im gesamten Körper. Zytostatika greifen an unterschiedlichen Punkten des Zellzyklus an: Sie stören die Herstellung und den Einbau der DNA-Bausteine, blockieren Enzyme, die für die Verdopplung des Erbguts nötig sind, oder behindern die Verteilung der Chromosomen bei der Zellteilung. Weil verschiedene Substanzen an verschiedenen Stellen ansetzen, werden sie meist kombiniert.
Betroffen sind allerdings nicht nur Tumorzellen, sondern alle sich schnell teilenden Zellen. Daraus ergeben sich die bekannten Nebenwirkungen: Schleimhautentzündungen, Haarausfall, Übelkeit und Erbrechen sowie ein Abfall der Blutzellen. Ein Mangel an roten Blutkörperchen führt zu Schwäche und Luftnot, ein Mangel an Blutplättchen erhöht die Blutungsneigung, fehlende weiße Blutkörperchen schwächen die Infektabwehr. Bei Bedarf werden Blutprodukte transfundiert.
Hochdosistherapie und autologe Stammzelltransplantation
Kehrt ein Lymphom nach abgeschlossener Chemotherapie zurück, kann eine Hochdosischemotherapie erwogen werden. Deren Problem: Die blutbildenden Zellen werden so stark geschädigt, dass sie sich kaum noch von selbst erholen. Deshalb werden dem Patienten vor der Hochdosistherapie eigene Stammzellen entnommen. Nach einer Mobilisierungschemotherapie und der Gabe eines Wachstumsfaktors werden die Stammzellen gesammelt und tiefgekühlt gelagert. Nach der Hochdosistherapie erhält der Patient sie zurück, sodass sich die Blutbildung wieder aufbauen kann.
Bei der allogenen Stammzelltransplantation stammen die Stammzellen dagegen von einem fremden Spender. Das übertragene Immunsystem erkennt Lymphomzellen als fremd und bekämpft sie – richtet sich aber ebenso gegen gesunde Organe und Schleimhäute. Weil viele Lymphome gut auf die autologe Vorgehensweise ansprechen, wird das höhere Risiko der allogenen Transplantation in der Regel nicht in Kauf genommen. Bei bestimmten Entitäten oder nach mehreren erfolglosen Vortherapien kann sie dennoch erwogen werden.
Zielgerichtete Therapien und Immuntherapien
Ziel der neueren Ansätze ist es, Lymphomzellen möglichst gezielt anzugreifen und gesundes Gewebe zu schonen. Monoklonale Antikörper erkennen Oberflächenstrukturen, die für B-Zellen typisch sind, etwa das Merkmal CD20. Sie markieren die Zellen und lösen eine Immunreaktion aus, die zu deren Zerstörung führt.
Zielgerichtete Inhibitoren setzen an Proteinen an, von denen Lymphomzellen abhängig sind. BTK-Inhibitoren hemmen ein Enzym, das für das Überleben der Zellen notwendig ist. BCL-2-Inhibitoren hemmen ein Protein, mit dem Lymphomzellen den programmierten Zelltod umgehen – wird es blockiert, wird dieser Zelltod wieder möglich.
Antikörper-Wirkstoff-Konjugate koppeln einen Antikörper an eine zellschädigende Substanz. Der Antikörper dockt an die Lymphomzelle an, wird aufgenommen und setzt den Wirkstoff erst im Zellinneren frei. Bispezifische Antikörper und T-Zell-Engager besitzen zwei Bindungsstellen: eine für die Lymphomzelle, eine für eine T-Zelle. Sie bringen beide in räumliche Nähe und aktivieren das Immunsystem gezielt gegen den Tumor.
Bei der CAR-T-Zelltherapie werden dem Patienten eigene T-Zellen entnommen und gentechnisch so verändert, dass sie ein bestimmtes Oberflächenprotein auf Lymphomzellen erkennen – in der Regel das Merkmal CD19. Anschließend werden sie zurückinfundiert und können die Lymphomzellen gezielt angreifen.
In der Praxis werden mehrere Wirkprinzipien kombiniert. Eine typische Erstlinienbehandlung des diffus großzelligen B-Zell-Lymphoms verbindet beispielsweise einen Antikörper, ein Antikörper-Wirkstoff-Konjugat und klassische Chemotherapie-Substanzen. Verabreicht wird eine solche Kombination häufig in sechs Zyklen im Abstand von drei Wochen, damit sich das Blutbild zwischen den Gaben erholen kann. Nach drei Zyklen erfolgt in der Regel ein Zwischenstaging, um das Therapieansprechen zu überprüfen.
Wie die Therapie ausgewählt wird
Die Therapieentscheidung wird immer individuell getroffen. Maßgeblich sind die Art des Lymphoms und seine Ausbreitung, die Frage, ob es sich um eine Erstdiagnose oder einen Rückfall handelt, sowie bisherige Behandlungen. Hinzu kommen Alter, Allgemeinzustand und Begleiterkrankungen. Wirkstoffe und Kombinationen sind Gegenstand laufender klinischer Forschung; Immuntherapien werden derzeit intensiv klinisch und präklinisch untersucht.
Nachsorge
Nach Abschluss der Behandlung folgt die Nachsorge mit regelmäßigen ambulanten Terminen. Sie dient dazu, das Therapieansprechen zu beobachten und einen Rückfall früh zu erkennen. Ebenso wird die Verträglichkeit der Behandlung kontrolliert, da manche Substanzen langfristige Folgen haben können, etwa ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen.
Fragen aus dem Publikum
Kommt eine CAR-T-Zelltherapie auch als erste Behandlung infrage?
Nach aktuellem Zulassungsstand ist die CAR-T-Zelltherapie nicht für die Erstlinienbehandlung zugelassen. Sie kommt in der Regel erst infrage, wenn eine vorangegangene Behandlung nicht angesprochen hat oder das Lymphom zurückgekehrt ist. Hintergrund ist, dass ein großer Teil der Erkrankten bereits auf die Erstlinienbehandlung anspricht. In klinischen Studien wird der Einsatz in der ersten Linie derzeit untersucht – dort handelt es sich um ein Studiensetting, nicht um eine zugelassene Therapie.
Gibt es bei Lymphomen so etwas wie Metastasen?
Ein Lymphom geht zunächst von einer Stelle aus, kann sich aber ausbreiten: Es kann das Knochenmark infiltrieren, in Organe hineinwachsen und in seltenen Fällen auch das Nervenwasser erreichen. Wie häufig das vorkommt, hängt von der Lymphomart ab. Genau deshalb gehören eine Ganzkörperbildgebung und das Staging zur Diagnostik dazu.
Warum wird die allogene Stammzelltransplantation bei Lymphomen seltener eingesetzt?
Viele Lymphome sprechen gut auf eine Hochdosistherapie mit anschließender Rückgabe der eigenen Stammzellen an. Die allogene Transplantation mit Stammzellen eines Fremdspenders ist mit einem deutlich höheren Nebenwirkungsrisiko verbunden, weil das übertragene Immunsystem auch gesundes Gewebe angreifen kann. Bei bestimmten Entitäten oder wenn vorherige Behandlungen nicht ausgereicht haben, kann sie dennoch erwogen werden.
Wie unterscheiden sich die Nebenwirkungen von Immuntherapie und Chemotherapie?
Die Nebenwirkungsprofile unterscheiden sich deutlich. Nach der Gabe bispezifischer Antikörper können Fieber und Schüttelfrost als Ausdruck einer starken Immunreaktion auftreten. Nach einer CAR-T-Zelltherapie ist ein sogenanntes Zytokin-Freisetzungs-Syndrom möglich, bei dem Botenstoffe ausgeschüttet werden und es zu Fieber oder niedrigem Blutdruck kommen kann. Übelkeit, Erbrechen und Schleimhautbeschwerden, wie sie für die klassische Chemotherapie typisch sind, treten bei Immuntherapien seltener auf. Infektionen sind bei beiden Behandlungsformen möglich.
Warum haben zielgerichtete Medikamente trotzdem Nebenwirkungen?
Die Zielstrukturen kommen häufig auch in gesunden Zellen vor, in Lymphomzellen sind sie lediglich stark hochreguliert. Hemmt ein Medikament ein solches Protein, kann es auch andere Zellen beeinflussen – man spricht von Off-Target-Effekten. Bei BTK-Inhibitoren sind auf diesem Weg etwa Herzrhythmusstörungen beschrieben. Grundsätzlich gilt: Wirkung ohne Nebenwirkung gibt es selten – weder bei der Chemotherapie noch bei zielgerichteten Substanzen.
Weiterführende Informationen
Patienteninformationsbroschüre des Kompetenznetz Maligne Lymphome sowie die Onkopedia-Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie.
Hinweis
Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt weder eine ärztliche Diagnose noch eine Beratung oder Therapieentscheidung. Die dargestellten Inhalte geben den Kenntnisstand zum Zeitpunkt der Aufzeichnung wieder. Besprechen Sie Ihre persönliche Situation bitte immer mit Ihrem behandelnden Arzt.
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