Nach der Therapie – und jetzt? Leben in der Übergangsphase
Das Ende der Krebstherapie gilt nach außen oft als Schlusspunkt – innerlich beginnt für viele jedoch erst eine eigene, oft unterschätzte Phase. In diesem Beitrag aus der Seminarreihe „Wurzeln finden. Flügel spüren.“ begleitet Dr. Martina Preisler, Diplom-Psychologin, systemische Therapeutin und Psychoonkologin, durch genau diesen Übergang. Sie ordnet ein, warum sich die Zeit nach der Therapie so anders anfühlt als erwartet, und zeigt entlang von sechs Themen, was in dieser Phase Halt und Orientierung geben kann.
Seasons of Survival: drei Phasen des Überlebens
Zur Einordnung greift Dr. Preisler auf den Arzt Fitzhugh Mullan zurück, der bereits 1985 die „Seasons of Survival“ beschrieben hat. Er unterscheidet das akute Überleben in der Therapie, das verlängerte Überleben nach der Primärtherapie – in Remission und Nachsorge – sowie das langfristige, permanente Überleben. Der Beitrag widmet sich vor allem der mittleren Phase: dem Dazwischen, das die Referentin mit dem Bild eines Transitbereichs am Flughafen beschreibt. Man ist angekommen, sucht aber noch das Gate – und weiß oft noch nicht genau, wohin es geht.
Der Zwischenraum: die Re-Entry-Phase
Für diese Übergangsphase gibt es verschiedene Begriffe: Re-Entry als Wieder-Eintreten ins Leben, das „Treatment-Cliff“ als Behandlungsklippe, wenn die enge Struktur des Therapieplans plötzlich wegfällt, und Liminalität als Schwellenzustand. In Anlehnung an das Übergangsmodell von Arnold van Gennep (1909), weiterentwickelt durch Victor Turner, lässt sich die Phase in Trennung, Schwelle und Neu-Verortung gliedern. Wichtig ist dabei: Es handelt sich um einen Prozess, nicht um ein einzelnes Ereignis.
Typisch sind ambivalente Gefühle, die gleichzeitig bestehen dürfen – etwa Erleichterung über das Therapieende und ein Gefühl von Verlorenheit. Beides ist wahr, gleichzeitig. Eine Umfrage des SURVIVORS HOME unter 75 Menschen nach der Therapie zeigt, was am häufigsten fehlte: an erster Stelle die Anerkennung, dass Krebs nicht einfach „vorbei“ ist, gefolgt von klaren Informationen über Nachwirkungen und Verlauf.
Neue Maßstäbe, Rituale und Anker im Alltag
Nach der Therapie ist der alte Alltag selten sofort wieder da. Kräfte, Schlaf, Gefühle und Belastbarkeit schwanken, weil auch die Verarbeitung des Erlebten Energie braucht. Dr. Preisler regt an, die eigenen Maßstäbe für den jetzigen Moment anzupassen: nicht das Frühere als Messlatte, sondern das, was sich körperlich und seelisch gerade tragen lässt. Ruhe ist dabei kein Stillstand, sondern Teil des Anpassungsprozesses. Kleine Rituale geben Halt – ein bewusster Start in den Morgen, eine Pause nach Belastung, abends ein Dankbarkeitstagebuch. Für jedes To-do auch ein To-be.
Das Umfeld und der Erwartungsdruck
„Du siehst aber gut aus“, „Jetzt ist doch alles geschafft“, „Du musst nach vorne schauen“ – während das Umfeld schnell Normalität erwartet, beginnt die eigentliche Verarbeitung innerlich oft erst. Dieser Erwartungsdruck von außen trifft auf Erschöpfung und Unsicherheit. Auch Beziehungen und Erwartungen brauchen Zeit, sich neu zu sortieren – und die Erlaubnis, nicht alles auf einmal klären zu müssen.
Angst und Scanxiety
Angst nach der Therapie ist normal – eine verständliche Reaktion auf eine existenzielle Erfahrung. In der Umfrage des SURVIVORS HOME waren die beiden stärksten Auslöser körperliche Symptome sowie der Zeitraum vor und nach Kontrolluntersuchungen. Die Körperwahrnehmung ist nach einer solchen Situation hochsensibel. Hilfreich ist, das eigene Behandlungsteam zu fragen, auf welche Symptome zu achten ist, und Beschwerden zu dokumentieren – wann sie auftreten, wie lange sie bleiben und was vorausging. Auch bei der Recherche im Internet oder mit KI-Werkzeugen empfiehlt die Referentin konkrete, kontextbezogene Fragen statt allgemeiner Suchen.
Der Begriff Scanxiety (aus „Scan“ und englisch „Anxiety“) beschreibt die Anspannung vor, während und nach bildgebenden Kontrollen. Der Scan dauert oft nur Minuten – die Angst darum herum kann deutlich länger anhalten. Strategien können sein: anzuerkennen, dass die Angst normal ist; den Termin bewusst zu planen (Anreise, Begleitung, etwas Gutes danach); und Gedanken zu prüfen – was ist Fakt, was Befürchtung, und was ist ein hilfreicher nächster Schritt.
Identität und Körperbild
Krebs greift in das Selbstbild ein, und der Körper trägt Spuren – beides hängt zusammen. Sich im veränderten Körper wiederzufinden, kann über mehrere Wege gelingen: dem Körper mit Neugier und angepasster Bewegung begegnen, kreative Ausdrucksformen nutzen, bewusste Körperpflege als sanften Kontakt und das Gespräch mit einer Vertrauensperson. Diese muss nicht immer aus dem Fachbereich kommen – wichtig ist, dass man mit dem Thema nicht allein bleibt.
Trauer und Verlustverarbeitung
Was Sie verloren haben, ist real. Zur Phase nach der Therapie gehört auch Trauer – um den Körper von früher, um verlorene Zeit, um Unbeschwertheit und um das frühere Selbst. Trauer darüber ist keine Undankbarkeit. Als Orientierung dient das duale Prozessmodell der Trauer von Stroebe und Schut (1999): ein Hin- und Herpendeln zwischen Verlustorientierung und Wiederherstellung. Es ist kein starres Phasenmodell, sondern ein Oszillieren zwischen Trauer und neuen Plänen.
Beziehungen und Kommunikation
„Ich bin zurück, aber nicht wie vorher“: Aus systemischer Sicht verschiebt sich das ganze Familien- oder Freundschaftssystem, wenn sich ein Teil verändert – und es braucht Zeit, eine neue Balance zu finden. Drei Ansätze können helfen: die Realität benennen („Es ist vorbei und nicht vorbei“), konkret um Unterstützung bitten, weil andere oft nicht wissen, was hilft, und Grenzen setzen – auch sanft. Jede und jeder darf selbst entscheiden, wem wie viel erklärt wird.
Leitsysteme und Unterstützung
Niemand muss diese Phase allein navigieren. Orientierung geben eigene Werte, Rituale, Selbstfürsorge, der jeweils nächste kleine Schritt und Menschen, die verbinden. Dr. Preisler betont, dass solche Angebote auch präventiv genutzt werden können – es muss einem dafür nicht schlecht gehen. Vielleicht reicht für den Moment der nächste kleine Schritt.
Weiterführende Informationen und Anlaufstellen
- Krebsinformationsdienst (DKFZ) – medizinische Fragen verständlich einordnen, auch zur Nachsorge; Tel. 0800 420 30 40
- Deutsche Krebshilfe – INFONETZ KREBS – Beratung zu psychologischen, sozialen, finanziellen und rechtlichen Fragen; Tel. 0800 80708877
- Krebsberatungsstellen in jedem Bundesland – kostenlose psychoonkologische Begleitung und Sozialberatung, ohne Überweisung, auch für Angehörige
- Leitlinienprogramm Onkologie – Patientenleitlinien – Behandlung und Nachsorge zur eigenen Tumorerkrankung
- Netzwerk OnkoAktiv – qualitätsgesicherte, wohnortnahe Bewegungsangebote bei Krebs
- dasBUUSENKOLLEKTIV e.V. – Selbsthilfe-Community im Bereich Brustkrebs (u. a. die TITTI-Tints)
- Selbsthilfegruppen und Patientenorganisationen zur eigenen Tumorerkrankung – Austausch mit Menschen in ähnlicher Situation
- Dr. Martina Preisler – Diplom-Psychologin und Psychoonkologin
Arbeitsblatt zur Übung (Landschaftsbild): hier herunterladen. Das Handout zum Vortrag steht hier zum Download bereit: Handout herunterladen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ist kein Ersatz für eine ärztliche Diagnose, Beratung oder Therapieentscheidung. Bitte besprechen Sie Ihre persönliche Situation mit Ihrem behandelnden Arzt oder Ihrem Behandlungsteam.
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