InfoReihe KREBS: Ernährung – Orientierung im Dschungel der Empfehlungen
Dies ist ein Veranstaltungsinhalt von SURVIVORS HOME am 14.10.2026.
Die Diagnose Krebs wirft viele Fragen auf – und sehr schnell auch die nach der richtigen Ernährung. Im Internet, in Büchern und im Bekanntenkreis kursieren zahlreiche, oft widersprüchliche Ratschläge. Ann-Sophie Vetter von der Lilie, Diätologin im Ernährungsteam der Charité am Campus Virchow-Klinikum, gibt in ihrem Vortrag Orientierung: Welche Empfehlungen sind wissenschaftlich belegt, welche nicht – und worauf kommt es während einer Krebstherapie tatsächlich an?
Der Vortrag ist der erste Teil der Veranstaltung „Ernährung“ aus der InfoReihe KREBS, die SURVIVORS HOME in Kooperation mit dem Charité Comprehensive Cancer Center ausrichtet. Im zweiten Teil spricht Katja Cattien über Ernährung bei Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust.
Ernährung nach der Diagnose ist ein eigenes Thema
Ernährung zur Krebsvorbeugung und Ernährung nach einer Krebsdiagnose sind zwei verschiedene Themen. Der Vortrag konzentriert sich auf die Zeit nach der Diagnose und bleibt bewusst allgemein, denn Krebsart, Therapie und Krankheitsstadium unterscheiden sich von Mensch zu Mensch stark. Für eine individuelle Begleitung empfiehlt die Referentin eine qualifizierte Ernährungsfachkraft.
Mangelernährung: häufig und oft unterschätzt
Während der Therapie steht vor allem ein Ziel im Vordergrund: eine Mangelernährung zu vermeiden. Nach Daten der German Hospital Malnutrition Study aus dem Jahr 2006 waren rund 38 Prozent der Krebspatienten bei der Aufnahme ins Krankenhaus mangelernährt – mehr als jeder Dritte. Während eines Klinikaufenthalts verschlechtert sich die Situation häufig weiter, weil weniger gegessen wird.
Erkannt wird eine Mangelernährung anhand fester Kriterien: ein Body-Mass-Index (BMI) unter 18,5, ein ungewollter Gewichtsverlust von mehr als 10 Prozent in drei bis sechs Monaten oder ein BMI unter 20 bei gleichzeitigem Gewichtsverlust von mehr als 5 Prozent im selben Zeitraum. Für Menschen ab 65 Jahren gilt bereits ein BMI unter 20 zusammen mit einem Gewichtsverlust von mehr als 5 Prozent in drei Monaten als Kriterium. Entscheidend ist nicht nur das Gewicht, sondern auch seine Veränderung. Auch wer zuvor übergewichtig war und stark abnimmt, kann mangelernährt sein.
Folgen und Teufelskreis
Eine Mangelernährung führt meist zum Abbau von Muskulatur. Therapien werden schlechter vertragen, Nebenwirkungen nehmen zu, und unter Umständen müssen Behandlungen unterbrochen oder abgebrochen werden. Das Immunsystem wird geschwächt, Infekte treten häufiger auf, Wunden heilen schlechter. Kraft und Leistungsfähigkeit lassen nach, die Prognose kann sich verschlechtern.
Am Anfang steht oft eine Appetitlosigkeit, in der Fachsprache Inappetenz. Sie kann durch psychische Belastung, Schmerzen, entzündliche Prozesse des Tumors oder Nebenwirkungen der Therapie entstehen. Wer weniger isst, verliert Gewicht und Kraft, erschöpft schneller und bewegt sich weniger – was den Appetit wiederum weiter senkt.
Was hilft, wenn das Essen nicht mehr reicht
Bei der Aufnahme ins Krankenhaus sollte ein Ernährungsscreening erfolgen, das Ernährungszustand und Nahrungsaufnahme erfasst. Ist das Ergebnis auffällig, wird das Ernährungsteam hinzugezogen. Erster Schritt ist, die normale Nahrungsaufnahme zu verbessern, etwa mit energie- und eiweißreichen Lebensmitteln. Ergänzend kann Trinknahrung eingesetzt werden. Reicht das nicht aus, kommt eine künstliche Ernährung infrage: enteral über eine Sonde oder parenteral, also direkt über die Vene. Praktische Tipps bei Beschwerden gibt Teil 2 der Veranstaltung.
Wie viel Energie und Eiweiß braucht der Körper?
Orientierung gibt die 2026 aktualisierte S3-Leitlinie Klinische Ernährung in der Onkologie. Der Energiebedarf liegt demnach bei 25 bis 30 Kilokalorien pro Kilogramm Körpergewicht. Für einen 80 Kilogramm schweren Mann entspricht das etwa 2.000 bis 2.400 Kilokalorien am Tag, für eine 60 Kilogramm schwere Frau etwa 1.500 bis 1.800 Kilokalorien.
Der Energiebedarf ist bei einer Krebserkrankung nicht zwingend höher, der Eiweißbedarf kann es aber sein. Die Leitlinie nennt 1 bis 1,5 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht – im Beispiel 80 bis 120 Gramm für den Mann und 60 bis 90 Gramm für die Frau. Zum Vergleich: Ein Ei enthält etwa 7 Gramm Eiweiß, 100 Gramm Fleisch rund 20 Gramm. Kalorien täglich zu zählen, ist nicht nötig. Ein Gefühl dafür, welche Lebensmittel viel Energie und Eiweiß liefern, hilft aber im Alltag.
Krebsdiäten im Faktencheck
Zuckerfreie Ernährung. Das Versprechen: Wer auf Zucker verzichtet, hungert den Krebs aus. Hintergrund ist der sogenannte Warburg-Effekt – Tumorzellen verbrauchen besonders viel Traubenzucker (Glukose). Diesen Effekt nutzt auch die Diagnostik, etwa die PET-Untersuchung, bei der sich markierter Traubenzucker im Tumorgewebe anreichert. Doch alle Körperzellen benötigen Zucker, auch Gehirn und rote Blutkörperchen. Fehlt er in der Nahrung, bildet der Körper ihn selbst – unter anderem aus Muskulatur. Ein Nachweis, dass eine zuckerfreie Ernährung das Tumorwachstum bremst oder die Heilungschancen verbessert, liegt nicht vor. Die Hinweise stammen überwiegend aus Labor- und Tierstudien.
Zudem ist Zucker nicht gleich Zucker: Vollkornbrot liefert neben Kohlenhydraten auch Eiweiß, Vitamine und Mineralstoffe und wird langsamer aufgenommen als Süßigkeiten. Große Mengen Zucker gehören nicht zu einer ausgewogenen Ernährung, verboten werden muss Süßes aber nicht. Wenn kaum etwas anderes schmeckt, ist es besser als zu wenig zu essen. Die Referentin berichtet von einem Patienten, der sich während der Chemotherapie fast ausschließlich von Erdbeerkuchen ernährte – und so sein Gewicht halten konnte.
Ketogene Diät. Sie folgt einer ähnlichen Idee, geht aber weiter: Erlaubt sind nur 20 bis 30 Gramm Kohlenhydrate pro Tag, etwa ein Apfel oder eine Scheibe Brot. In der Medizin wird diese Ernährungsform bei schwer behandelbarer Epilepsie eingesetzt. Für die Krebsbehandlung gibt es keinen Beleg, dass sie einen Tumor bremst. Meist kommt es zu Gewichtsverlust, weil fettreiche Lebensmittel schnell sättigen. Hinzu kommen wenig Ballaststoffe, mögliche Verdauungsbeschwerden und eine schwierige Umsetzung im Alltag, vegetarisch oder vegan erst recht.
Budwig-Diät. Die von der Apothekerin Johanna Budwig entwickelte Ernährungsweise setzt auf Leinöl und Quark, ergänzt durch Gemüse, Obst und Vollkornprodukte. Die Kombination soll Krebszellen absterben lassen und normales Zellwachstum wiederherstellen. Eine Wirksamkeit konnte in Studien nicht nachgewiesen werden. Die Lebensmittelauswahl ist eingeschränkt, energie- und eiweißarm und im Alltag schwer umzusetzen.
Fasten. Hier geht es weniger darum, den Tumor auszuhungern. Die Hoffnung ist vielmehr, dass Fasten kurz vor oder während einer Chemotherapie die Behandlung verträglicher macht, weil gesunde Zellen im Hungerzustand in eine Art Schutzmodus wechseln sollen. Auch diese Idee stammt aus Tierversuchen, ein belastbarer Nachweis beim Menschen fehlt bislang. Offen ist zudem, welche Form des Fastens, wie lange und für welche Patienten. Strenge Fastenformen werden daher nicht empfohlen.
Die Leitlinien raten von restriktiven Krebsdiäten ab. Für keine dieser Ernährungsformen ist ein Nutzen belegt, zugleich erhöhen sie das Risiko einer Mangelernährung.
Nahrungsergänzungsmittel
Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel. Sie müssen ihre Wirksamkeit nicht nachweisen, Qualität und Dosierung schwanken stark. Die Leitlinie empfiehlt sie deshalb nur bei nachgewiesenem Mangel. Wer sich ausgewogen ernährt, kann den Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen in der Regel über die Nahrung decken. Eine Krebserkrankung erhöht diesen Bedarf nicht automatisch. Mehr hilft nicht mehr, zu viel kann sogar schaden.
Vorsicht gilt besonders bei hochdosierten Antioxidantien wie Vitamin C oder E während einer Chemo- oder Strahlentherapie, da sie die Wirkung der Behandlung abschwächen können. Auch hochdosierte Präparate aus Johanniskraut, Curcumin oder grünem Tee können die Wirkung von Medikamenten verändern und die Leber belasten. Ob ein Ergänzungsmittel sinnvoll ist, gehört deshalb ins Gespräch mit dem Behandlungsteam oder einer Ernährungsfachkraft. Oft ist das Geld in einer Ernährungsberatung oder in guten Lebensmitteln besser angelegt.
Wo finde ich seriöse Informationen?
Ernährungsfachkräfte orientieren sich an der S3-Leitlinie Klinische Ernährung in der Onkologie, der S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen Patienten und international an der ESPEN-Leitlinie Clinical Nutrition in Cancer.
Für Betroffene und Angehörige gut aufbereitet sind die Broschüre „Essen und Trinken während der Krebstherapie“ der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), der Blaue Ratgeber „Ernährung bei Krebs“ der Deutschen Krebshilfe sowie das Angebot Was essen bei Krebs? mit vielen Tipps und Rezepten.
Bei anderen Quellen helfen einige Prüffragen: Wer ist Herausgeber, wer sind die Autoren? Gibt es Studien? Was wird versprochen – und wird womöglich etwas verkauft? Werden ganze Lebensmittelgruppen verboten oder Heilung und Nebenwirkungsfreiheit versprochen, ist Skepsis angebracht. Es gibt keine Lebensmittel und keine Nahrungsergänzungsmittel, die Krebs heilen.
Das Wichtigste in Kürze
- Ausgewogen und abwechslungsreich essen – der Körper braucht Eiweiß, Kohlenhydrate und Fett.
- Den Schwerpunkt auf ausreichend Energie und Eiweiß legen, um einer Mangelernährung vorzubeugen.
- Es gibt nicht die eine perfekte Ernährung. Therapie, Krebsart und Beschwerden sind individuell.
- Gewichtsverlust muss nicht hingenommen werden. Bei Beschwerden frühzeitig Unterstützung suchen.
- Keine Wunderdiäten: Krebsdiäten sind keine anerkannte Krebstherapie.
- Nahrungsergänzungsmittel kritisch prüfen und hochdosierte Präparate nur nach fachlicher Rücksprache einnehmen.
- Genuss und Lebensqualität zählen: Essen sollte schmecken und in den Alltag passen.
Fragen aus dem Publikum
Im Anschluss an ihren Vortrag beantwortet Ann-Sophie Vetter von der Lilie Fragen aus dem Publikum. Die Moderation übernimmt Kristina Röntgen.
Ist eine Krebsdiät in Ordnung, wenn ich mein Gewicht halten kann?
Gewicht und vor allem Muskulatur zu erhalten, hat Vorrang. Restriktive Diäten hält die Referentin dennoch grundsätzlich nicht für sinnvoll: Sie schränken die Lebensmittelauswahl stark ein, Genuss kommt zu kurz, und es kann zu Mangelzuständen kommen. Die ketogene Diät eignet sich zudem nicht für eine dauerhafte Anwendung, unter anderem weil Ballaststoffe fehlen.
Wie lässt sich der Eiweißbedarf bei vegetarischer oder veganer Ernährung decken?
Tierisches Eiweiß aus Fleisch, Fisch, Eiern und Milchprodukten ist besonders hochwertig, weil der Körper es gut in körpereigenes Eiweiß umwandeln kann. Auch Hülsenfrüchte, Tofu, Soja und Nüsse liefern Eiweiß. Da sich pflanzliche Eiweiße in ihrer Zusammensetzung unterscheiden, lohnt es sich, sie zu kombinieren – etwa Linsen mit Tofu. Fällt es schwer, den Bedarf über Lebensmittel zu decken, kann Eiweißpulver eine Ergänzung sein. Als Qualitätsmerkmal nennt die Referentin einen Eiweißgehalt von etwa 80 Gramm pro 100 Gramm Pulver.
Wo gibt es Unterstützung bei Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust?
Im Krankenhaus lohnt die Nachfrage, ob es ein Ernährungsteam oder Ernährungstherapeuten gibt. Außerhalb der Klinik helfen Diätassistenten, deren Beruf eine dreijährige, medizinisch ausgerichtete Ausbildung voraussetzt. Über die Website des Verbands der Diätassistenten – Deutscher Bundesverband (VDD) lassen sich Fachkräfte in der Nähe finden.
Muss ich bei Brustkrebs auf Tofu verzichten?
Nach Einschätzung der Referentin nicht. Soja und Tofu gelten in üblichen Verzehrsmengen als unproblematisch. Welche Mengen im Einzelfall sinnvoll sind, sollte mit dem Behandlungsteam besprochen werden.
Wie sich der Ernährungszustand bei Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust praktisch verbessern lässt, zeigt Katja Cattien in Teil 2 der Veranstaltung.
Diese Inhalte dienen ausschließlich der Information und ersetzen keine Diagnose oder Therapieentscheidung. Bitte besprechen Sie Fragen zu Ihrer Ernährung und Behandlung mit Ihrem behandelnden Arzt oder Ihrem Behandlungsteam.
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