Was tun bei Strahlenschäden und Spätfolgen nach Kopf-Hals-Mund-Krebs?
Nach dem Ende einer Bestrahlung ist die Behandlung abgeschlossen, die körperlichen Auswirkungen sind es nicht. Prof. Dr. Daniel Zips, Direktor der Kliniken für Radioonkologie und Strahlentherapie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, ordnet in diesem Videobeitrag ein, welche Spätfolgen nach einer Strahlentherapie bei Kopf-Hals-Krebs auftreten können, wie sich frühe und späte Nebenwirkungen unterscheiden und an welchen Stellen Betroffene selbst Einfluss nehmen können. Aufgezeichnet beim 5. Aktionstag Kopf-Hals-Mund-Krebs im SURVIVORS HOME.
Spätfolgen rücken mit der Zeit stärker in den Blick
Ein erheblicher Teil der Patienten ist nach abgeschlossener Therapie tumorfrei, viele leben langfristig mit der Erkrankung als überstandenem Ereignis. Mit dieser Entwicklung verschiebt sich der Blick: Neben der Sorge vor einem Rückfall gewinnen die Folgen der Behandlung an Gewicht. Zips beschreibt ein breites Spektrum – von allgemein verminderter Belastbarkeit über chronische Schluckstörungen, Einschränkungen beim Sprechen, Mundtrockenheit und Geschmacksveränderungen bis zu Weichteilfibrose, Lymphödem, eingeschränkter Mundöffnung, Zahnerkrankungen und Veränderungen an den Halsgefäßen.
Ausprägung und Belastung sind individuell verschieden. Wie stark eine einzelne Nebenwirkung auftritt und wie sehr sie die Lebensqualität beeinträchtigt, unterscheidet sich von Patient zu Patient. Zips weist zugleich darauf hin, dass sich die Therapieintensität nicht beliebig absenken lässt, ohne die Aussicht auf Heilung zu verändern – Spätfolgen setzen voraus, dass der Tumor überhaupt zurückgedrängt wurde.
Frühe und späte Nebenwirkungen: der zeitliche Unterschied
Nebenwirkungen einer Bestrahlung entstehen durch die Strahlenwirkung auf das gesunde Gewebe rund um den Tumor. Frühe Nebenwirkungen treten während der Bestrahlung und bis etwa drei Monate nach deren Ende auf – etwa Entzündungen von Haut und Schleimhaut. Sie bilden sich in der Regel zurück.
Ab diesem Zeitpunkt spricht die Radioonkologie von späten Nebenwirkungen oder Spätfolgen. Diese bilden sich in der Regel nicht vollständig zurück und können lebenslang bestehen. Ihre Ausprägung kann schwanken und sich im Verlauf auch verändern. Zips hält diese zeitliche Einordnung für wichtig, weil sie Betroffenen hilft, die Vorgänge im eigenen Körper nach Abschluss der Therapie besser einzuordnen.
Was sich durch die eigene Lebensweise beeinflussen lässt
Ein Schwerpunkt des Beitrags liegt auf dem, was Betroffene selbst in der Hand haben. Am Beispiel der Gefäßveränderungen am Hals macht Zips deutlich, dass das Risiko für Durchblutungsstörungen wesentlich von weiteren Risikofaktoren abhängt – etwa Rauchen, Fettstoffwechselstörungen oder Diabetes. Wer diese Faktoren beeinflusst, beeinflusst damit auch das Risiko für Folgeschäden.
Eine gesunde Lebensweise wirkt sich auf Risiko und Ausmaß vieler Spätfolgen aus. Dazu zählen körperliche Aktivität, Ernährung, der Verzicht auf Rauchen und Alkohol sowie der Umgang mit UV-Belastung. Diese Punkte gelten zugleich als Beitrag zur Vermeidung von Zweitkarzinomen.
Gezielte Maßnahmen bei einzelnen Beschwerden
Bei einer Reihe von Beschwerden kommen gezielte Maßnahmen infrage. Zips nennt die eingeschränkte Mundöffnung, das Lymphödem, das sich durch Eigenübungen oder eine Lymphdrainage im Anschluss an die Behandlung angehen lässt, sowie Einschränkungen beim Sprechen und Schlucken. Auch bei Weichteilfibrose und eingeschränkter Schulterbeweglichkeit verweist er auf einfache Übungen, die sich in den Alltag einbauen lassen.
Ein Medikament gibt es dafür nicht. Welche Maßnahmen im Einzelfall sinnvoll sind, gehört nach Darstellung von Zips in die Nachsorgegespräche mit den behandelnden Ärzten. Besondere Aufmerksamkeit verdienen zudem zahnärztliche Behandlungen und die Schilddrüsenfunktion.
Mundtrockenheit als dauerhafte Folge
Mundtrockenheit zählt zu den Beschwerden, die Betroffene besonders belasten. Ursache ist die Strahlendosis auf die großen und kleinen Speicheldrüsen, die anatomisch in unmittelbarer Nähe von Kopf-Hals-Tumoren liegen. Die Folge ist in der Regel nicht rückbildungsfähig. Sie äußert sich unter anderem in zähem Speichel, Beschwerden beim Sprechen und Schlucken sowie nächtlicher Trockenheit.
Die Patientenleitlinie sieht als Option einen zeitlich befristeten Behandlungsversuch mit einem Medikament vor. Zips ordnet ein, dass dieser Ansatz nur bei einem Teil der Betroffenen anspricht und mit eigenen Risiken und Gegenanzeigen verbunden ist; ob er infrage kommt, ist mit dem behandelnden Arzt zu klären. Speichelersatzmittel werden ohne Bevorzugung bestimmter Hersteller genannt – hier entscheidet das eigene Empfinden. Für Selen, zuckerfreies Kaugummi, Akupunktur, Malve, Stockrose oder Öle liegt nach der Leitlinie keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage für eine Empfehlung vor.
Veränderungen des Geschmackssinns
Beim Geschmackssinn fällt die Einordnung anders aus. Zips beschreibt eine grobe Drittel-Regel: Bei einem Teil der Patienten bessert sich die Wahrnehmung leicht, bei einem weiteren Teil deutlich, bei einem Drittel bleibt sie unverändert. Verbesserungen können sich über Jahre hinweg schrittweise einstellen und je nach Geschmacksrichtung und Lage des Tumors unterschiedlich ausfallen.
Ein bestimmtes Medikament wird dafür nicht empfohlen. Im Vordergrund steht die Anregung: kräftigere Aromen ausprobieren, dabei nichts stark Scharfes oder Saures, verschiedene Temperaturen testen. Ein metallischer Geschmack kann von einzelnen Speisen oder vom Besteck abhängen. Zips verweist außerdem auf den Zusammenhang mit der Mundtrockenheit sowie auf die Bedeutung von Mund- und Zahnhygiene. Die Grundhaltung: ausprobieren und variieren, statt die Dinge laufen zu lassen.
Orientierung durch die Patientenleitlinie
Angesichts der Vielzahl kursierender Empfehlungen verweist Zips auf die frei zugängliche Patientenleitlinie „Supportive Therapie“ des Leitlinienprogramms Onkologie. Sie wird von Fachleuten und Patientenvertretern erarbeitet und legt offen, für welche Maßnahmen bei Nebenwirkungen einer Krebstherapie belastbare Belege vorliegen und für welche nicht. Ein fehlender Nutzennachweis bedeutet dabei nicht automatisch, dass eine Maßnahme unwirksam ist – er zeigt an, dass das Wissen dazu nicht ausreicht.
Die ausführliche Fassung für Ärzte ist ebenfalls frei verfügbar. Zips ermutigt dazu, sich unabhängig von kommerziellen Interessen zu informieren.
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