Psychologische Strategien bei Tumor-Fatigue
Oliver Özöncel, Diplom-Psychologe und Psychoonkologe an der Charité CBF sowie der Berliner Krebsgesellschaft e. V., stellt im zweiten Teil der InfoReihe KREBS: Fatigue psychologische Bewältigungsstrategien bei tumorassoziierter Erschöpfung vor. Moderiert von Kristina Röntgen, Psychoonkologin an der Charité, gliedert sich der Vortrag in vier Themenbereiche: Empowerment durch Wissen, Energiemanagement, Umgang mit psychischen Belastungen sowie der Umgang mit kognitiven Beschwerden.
Empowerment durch Wissen
Viele Krebsbetroffene wissen nicht, dass Fatigue eine häufige Begleiterscheinung der Erkrankung und Therapie ist – und werden auch nicht frühzeitig darüber aufgeklärt. Wissen ist ein zentraler Baustein im Umgang mit Tumor-Fatigue. Özöncel verweist auf folgende verlässliche Informationsquellen:
- Deutsche Fatigue Gesellschaft – Broschüren und Online-Informationen
- Krebsinformationsdienst (DKFZ) – Internet und Telefonberatung: 0800 420 30 40
- Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg – Broschüre zur Tumorfatigue
- Berliner Krebsgesellschaft e. V. – psychologische Beratung, Fatigue-Kurs „Fatigue individuell bewältigen“ (kostenlos), Bewegungs- und Achtsamkeitsangebote
- Netzwerk Onkoaktiv – Beratung zu Sport bei Krebs, Charité Abteilung für Sportmedizin
Für Arztgespräche steht der kostenlose Klinische Praxisleitfaden zu krebsassoziierter Fatigue der Deutschen Fatigue Gesellschaft zur Verfügung. Bei Verdacht auf ME/CFS oder Long-/Post-Covid informiert das Charité Fatigue Centrum. Leitliniengerecht empfohlen sind vor allem Bewegung, Sport, Yoga sowie psychologische Interventionen.
Energiemanagement
Beim Energiemanagement geht es darum, den Alltag so zu gestalten, dass die begrenzt vorhandene Energie möglichst gut genutzt werden kann. Zentral ist eine Balance zwischen Aktivität und Erholung sowie zwischen Pflichten und bedeutsamen Beschäftigungen. Als praktisches Werkzeug empfiehlt Özöncel das Energietagebuch: Wer über zwei Wochen aufzeichnet, was er wann macht und wie erschöpft er sich dabei fühlt, erkennt belastende Muster und kann gezielt gegensteuern – durch Prioritäten setzen, Delegieren und realistisches Tagesplanning. Das Energietagebuch steht kostenlos als PDF zur Verfügung.
Für Bewegung und Sport empfiehlt Özöncel konkrete Planung anhand der vier W-Fragen: Was, Wo, Wann und Mit wem. Die Broschüre „Fitness trotz Fatigue“ der Deutschen Fatigue Gesellschaft bietet geeignete Übungen speziell für Tumor-Fatigue-Betroffene. Ergänzend sind Achtsamkeitsübungen (MBSR) und gesunder Schlaf wichtig – weiterführende Informationen zum Thema Schlaf bietet www.schlafgestoert.de. Die „Untire“-App, eine als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) für Brustkrebspatientinnen zugelassene Anwendung, enthält viele Energiemanagement-Elemente und kann ärztlich verordnet werden.
Umgang mit psychischen Belastungen
Ängste und chronischer Stress können die Stressachse destabilisieren und Fatigue aufrechterhalten. Eine frühzeitige psychoonkologische Begleitung wird daher ausdrücklich empfohlen. Bei stark ausgeprägten psychischen Belastungen ist Psychotherapie sinnvoll – die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) hat dabei nachgewiesene Wirksamkeit bei Tumor-Fatigue. Auch die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) gilt als vielversprechender Ansatz.
Özöncel beschreibt Konflikte auf verschiedenen Ebenen, die Fatigue-Betroffene erleben: gesellschaftlicher Leistungsdruck, Unverständnis in Behörden und Arbeitgebergesprächen sowie Selbstzweifel im persönlichen Alltag. Als Orientierungshilfe im Umgang mit belastenden Situationen stellt er das ABC-Schema aus der kognitiven Verhaltenstherapie vor. Für Konflikte mit Institutionen empfiehlt er das Energietagebuch als dokumentiertes Hilfsmittel. Die Berliner Krebsgesellschaft bietet zudem die Veranstaltungsreihe „Ich bin wieder da!“ zum Wiedereinstieg in den Beruf nach einer Krebserkrankung an.
Gegen sozialen Rückzug rät Özöncel, soziale Kontakte gut zu planen statt zu meiden. Eine Selbsthilfegruppe für Fatigue-Betroffene trifft sich jeden dritten Dienstag im Monat um 17:30 Uhr in den Räumen der Berliner Krebsgesellschaft (Anmeldung: Tel. 030 27 00 07-270). Weitere Informationen und das sogenannte „Fatigue-Bullshit-Bingo“ – eine humorvolle Sammlung typischer Unverständnis-Reaktionen aus dem Umfeld – finden sich beim Verein Leben nach Krebs! e. V.
Umgang mit kognitiven Beschwerden
Viele Fatigue-Betroffene erleben neben körperlicher Erschöpfung auch kognitive Einschränkungen: Konzentrationsprobleme, verlangsamtes Denken, verminderte Merkfähigkeit. Diese als krebsbedingte kognitive Dysfunktion (KBKD) bezeichneten Beschwerden sind im Alltag sehr belastend, lassen sich aber in objektiven Tests häufig kaum nachweisen. Empfohlen werden körperliche Aktivierung, Achtsamkeitsübungen und kognitives Training. Die „NeuroNation Med“-App ist als DiGA ärztlich verordnungsfähig und bietet ein strukturiertes Gedächtnistraining; Özöncel berichtet von positiven Rückmeldungen aus der Praxis.
Der Vortrag ist Teil einer fortlaufenden Veranstaltungsreihe zur Tumor-Fatigue von SURVIVORS HOME Berlin und der Berliner Krebsgesellschaft e. V. Der nächste Termin findet am 21. Mai 2026 statt und widmet sich dem Thema Bewegung und Sport im Zusammenhang mit Fatigue. Bitte besprechen Sie Ihre persönliche Situation stets mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem behandelnden Arzt.