InfoReihe KREBS: Familiäres Krebsrisiko
Dies ist ein Veranstaltungsinhalt von SURVIVORS HOME am 17.06.2026.
Ein erhöhtes familiäres Krebsrisiko betrifft nicht nur Erkrankte, sondern auch Menschen, die selbst (noch) nicht erkrankt sind, aber Trägerinnen einer Genmutation sind. In der InfoReihe KREBS spricht Matea Tadic, Betroffene und Patient Advocate für das Buusenkollektiv, im Gespräch mit Dr. Martina Preisler, Diplom-Psychologin und Psychoonkologin am Charité Comprehensive Cancer Center, über ihr Leben mit der BRCA1-Mutation. Sie berichtet, wie die Diagnose ihrer Mutter den Weg für die eigene Genetiktestung bereitet hat, welche Entscheidungen sie seitdem getroffen hat und wie sie heute öffentlich über familiäres Krebsrisiko spricht.
Die Diagnose der Mutter und der Weg zur Genetiktestung
Matea Tadic war 14 Jahre alt, als bei ihrer Mutter erstmals Eierstockkrebs diagnostiziert wurde. Nach rund fünf Jahren ohne Befund kehrte die Erkrankung zurück und verlief sehr schnell. Da die Mutter für ein Ovarialkarzinom ungewöhnlich jung war und in der Familie bereits mehrere Fälle von Brust- und Eierstockkrebs aufgetreten waren, ordnete der behandelnde Arzt eine genetische Abklärung an. 2013 wurde die BRCA1-Mutation festgestellt – zu einem Zeitpunkt, an dem das Thema durch die öffentliche Offenlegung von Angelina Jolie erstmals breiter bekannt wurde.
Mit 18 Jahren erhielt Matea Tadic gemeinsam mit ihrer Schwester das Ergebnis des eigenen Genbefunds. Die volle Bedeutung der Diagnose wurde ihr nach eigener Aussage erst nach dem Tod der Mutter bewusst. In der Familie selbst blieb das Thema lange unausgesprochen: Während eine Cousine sich testen ließ, vermieden andere Angehörige eine Auseinandersetzung damit.
Prophylaktische Mastektomie mit 24 Jahren
Nach dem Tod ihrer Mutter entschied sich Matea Tadic für eine prophylaktische Mastektomie. Da das intensivierte Früherkennungsprogramm für Hochrisikopatientinnen regulär erst ab 25 Jahren vorgesehen ist, musste sie die vorzeitige Kostenübernahme gegenüber der Krankenkasse selbst durchsetzen. Unterstützung erhielt sie dabei von der behandelnden Klinik. Nach der Operation kam es zu einer Nekrose, die einen längeren Heilungsverlauf nach sich zog.
Im Rückblick beschreibt sie einen Wandel in der eigenen Haltung zur Operation: Die Entscheidung sei nicht aus Angst, sondern als bewusster Schritt für das eigene Leben gefallen. Gleichzeitig schildert sie, wie stark auch scheinbar kleine Folgen – etwa die fehlende Möglichkeit zu stillen – den Alltag und persönliche Themen wie Kinderwunsch und Sexualität berühren können.
Kinderwunschbehandlung und Entfernung der Eierstöcke mit 29
Im Hinblick auf die statistisch früh auftretenden Eierstockerkrankungen innerhalb ihrer Familie entschied sich Matea Tadic mit 29 Jahren für die Entfernung von Eierstöcken und Eileitern. Vor diesem Schritt durchlief sie zwei Zyklen einer Kinderwunschbehandlung mit Einfrieren von Eizellen. Seit Februar des Vorjahres übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für bis zu drei Zyklen einer solchen Behandlung – eine Regelung, die ihr zum Zeitpunkt der eigenen Behandlung noch nicht bekannt war.
Sie beschreibt die hormonelle Stimulation während der Eizellentnahme als körperlich und emotional fordernd. Die Gebärmutter blieb bei der Operation erhalten, um eine spätere Schwangerschaft mit den eingefrorenen Eizellen zu ermöglichen. Im Zusammenhang mit einer möglichen genetischen Testung der Eizellen vor einer Übertragung weist sie darauf hin, dass diese Form der Präimplantationsdiagnostik in Deutschland aktuell nicht zugelassen ist.
Nach der Operation ergab die feingewebliche Untersuchung von Eierstöcken, Eileitern und Bauchraum keinen Hinweis auf veränderte Zellen. Begleitend berichtet sie von ihren eigenen Erfahrungen mit einer Hormonersatztherapie und betont, dass die individuell passende Einstellung Zeit und ärztliche Begleitung erfordert.
Engagement im Buusenkollektiv und Aufbau einer WhatsApp-Community
Über eine Veranstaltung der Selbsthilfegruppe Buusenkollektiv kam Matea Tadic erstmals in Kontakt mit anderen Betroffenen, die offen über Brustkrebs sprechen. Obwohl sie selbst nicht erkrankt ist, wurde sie als sogenannte Provivor – ein Begriff aus präventiv und Survivor – in die Gemeinschaft aufgenommen und brachte das Thema Genmutation neu in den Austausch ein.
Aus diesem Engagement entstand eine WhatsApp-Community speziell für Genträgerinnen, in der sich inzwischen mehr als anderthalbtausend Frauen zu Themen wie prophylaktischer Mastektomie, Antihormontherapie oder Hormonersatztherapie austauschen. Matea Tadic sieht in diesem niedrigschwelligen Austausch eine wichtige Ergänzung zu bestehenden Angeboten wie dem BRCA-Netzwerk, da viele junge Betroffene sich von klassischen Selbsthilfeformaten nicht angesprochen fühlen.
Öffentliche Sichtbarkeit und der Appell, frühzeitig zu sprechen
Über Instagram macht Matea Tadic ihr Leben mit der BRCA1-Mutation öffentlich sichtbar und erreicht damit auch Menschen außerhalb der Krebscommunity. Sie berichtet von negativen Reaktionen auf ihre Inhalte, die sie nach eigener Aussage bewusst öffentlich macht, um gegen Anfeindungen im Netz Stellung zu beziehen.
Ihr zentraler Appell lautet, über Krebs zu sprechen, bevor er ausbricht. Sie ermutigt dazu, die eigene Familiengeschichte ernst zu nehmen, mit der Gynäkologin oder dem Gynäkologen offen über familiäre Häufungen zu sprechen und sich bei Bedarf zu vernetzen. Eine individuelle Risikoeinschätzung und Entscheidung über mögliche Vorsorgemaßnahmen sollte stets in Abstimmung mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten sowie spezialisierten Zentren für familiären Brust- und Eierstockkrebs erfolgen.
Weiterführende Informationen
Weitere Informationen und Unterstützungsangebote bei familiärem Krebsrisiko bietet die Selbsthilfegruppe Buusenkollektiv. Ergänzende Orientierung zu Leitlinien und Versorgungsangeboten finden Sie beim Leitlinienprogramm Onkologie, bei Onkopedia sowie bei der Charité Comprehensive Cancer Center.
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