InfoReihe KREBS: Nach Krebs – Langzeitfolgen, Nachsorge und Früherkennung
Dies ist ein Veranstaltungsinhalt von SURVIVORS HOME am 20.05.2026.
In diesem Videobeitrag der Inforeihe KREBS gibt Prof. Dr. Bernhard Wörmann, Hämatoonkologe am Ambulanten Gesundheitszentrum der Charité (CVK) und medizinischer Leiter der DGHO, einen umfassenden Überblick über Langzeitfolgen der Krebstherapie, die Bedeutung einer individualisierten Nachsorge sowie Strategien zur Prävention von Zweittumoren. Die Moderation übernimmt Kristina Röntgen, Psychoonkologin am Comprehensive Cancer Center der Charité.
Nachsorge ist heute individualisiert
Eine Kernbotschaft des Vortrags: Ein einheitliches Nachsorgekonzept, das für alle Krebspatienten gilt, ist heute nicht mehr zeitgemäß. Je nach Krebsart, biologischer Charakteristik und Behandlungsform unterscheiden sich die Risikokonstellationen erheblich. So sind beim Nierenkrebs häufig Lokalrezidive relevant, beim Darmkrebs spielen Fernmetastasen in der Leber eine zentrale Rolle, während bestimmte Lungenkrebsformen gezielt auf Hirnmetastasen überwacht werden müssen. Die entsprechenden Handlungsempfehlungen sind im Leitlinienprogramm Onkologie sowie im evidenzbasierten Schnellportal Onkopedia hinterlegt. Nachsorge muss individuell geplant werden – gemeinsam mit dem behandelnden Arzt, abgestimmt auf Diagnose, Therapieverlauf und persönliche Situation.
Transitionssprechstunde und Langzeitambulanz an der Charité
Vor etwa 15 Jahren begann die Charité mit einer spezialisierten Transitionssprechstunde für junge Erwachsene, die als Kinder oder Jugendliche an Krebs erkrankt waren. Heute gilt die Einrichtung als eine der größten ihrer Art in Deutschland. Beispielhaft steht die akute lymphatische Leukämie im Kinderalter: Rund 90 Prozent der betroffenen Kinder erreichen das Erwachsenenalter. Nach teils jahrelanger intensiver Therapie – einschließlich Stammzelltransplantation und Dauermedikation – brauchen diese jungen Menschen strukturierte Anlaufstellen, die ihre Langzeitrisiken kennen und begleiten können. Inzwischen nutzen auch ältere Patienten mit Langzeitnebenwirkungen dieses Angebot.
Akute und mittelfristige Nebenwirkungen der Therapie
Akute Effekte wie Übelkeit, Schleimhautschädigungen, Haarausfall und Infektanfälligkeit treten unmittelbar auf. Mittelfristige Organschäden – etwa an Herz und Lunge – können Monate bis Jahre brauchen, bis sie sich zeigen oder erholen. Polyneuropathien nach Platin- oder Taxantherapien können dauerhaft bestehen bleiben, auch wenn sich bei einem Teil der Patienten nach einigen Jahren Besserung einstellt. Besonders hervorgehoben wird die Immuntherapie als wachsendes Behandlungsfeld: Immunreaktionen können sowohl frühzeitig als auch verzögert auftreten und erfordern eigene Nachsorgekonzepte. Relevant ist auch, dass die vorhandenen Erfahrungswerte über Langzeitnebenwirkungen weitgehend auf älteren Therapieschemata beruhen – Langzeitdaten zu neueren Verfahren wie CAR-T-Zelltherapien liegen noch kaum vor.
Spätfolgen: Organschäden, Unfruchtbarkeit und Fatigue
Manche Schäden treten erst Jahre nach Therapieabschluss auf. Osteoporose und Schilddrüsenfunktionsstörungen entwickeln sich schleichend und sind besonders bei Risikogruppen zu beachten. Das Thema Unfruchtbarkeit hat in der modernen Onkologie erheblich mehr Gewicht bekommen: Das Einfrieren von Samenzellen oder Eizellen vor Therapiebeginn gehört heute zum Versorgungskonzept. Ebenfalls stärker anerkannt als früher ist Fatigue – die therapiebedingte Erschöpfung, die die Alltagsfähigkeit nachhaltig beeinflussen kann und oft eng mit psychosozialer Belastung verknüpft ist. Aktuelle Forschung im Kontext von Long-COVID deutet darauf hin, dass möglicherweise auch medikamentöse Ansätze für Fatigue entstehen könnten – die Datenlage ist jedoch noch vorläufig. Betroffene sollten Symptome und mögliche Optionen mit dem behandelnden Arzt besprechen.
Risiko für Zweittumoren
Laut Robert Koch Institut hatten 10 bis 16 Prozent aller Krebspatienten in Deutschland bereits eine weitere Krebserkrankung. Die Ursachen sind vielschichtig: Erbliche Veranlagungen (bei jungen Patienten in geschätzten 5 bis 10 Prozent der Fälle), Risikofaktoren wie Rauchen, UV-Exposition, HPV-Infektionen, Immunsuppression nach allogener Stammzelltransplantation sowie Übergewicht spielen eine Rolle – ebenso wie demografische Faktoren. Auch therapiebedingte Organschäden durch bestimmte Bestrahlungsfelder können das Risiko für spezifische Krebsarten erhöhen. Familienanamnese und genetische Risikofaktoren sollten deshalb in der Nachsorge systematisch erfasst werden.
Früherkennungsprogramme und neue Versorgungsstrukturen
Bestehende Früherkennungsprogramme werden zu wenig genutzt: Beim Mammografiescreening nehmen weniger als die Hälfte der anspruchsberechtigten Frauen teil, bei der Darmkrebsfrüherkennung sogar unter 20 Prozent. Krebserfahrene Patienten zeigen hier eine höhere Bereitschaft – ein Effekt, der sich positiv auf die Früherkennung von Zweittumoren auswirken kann. Ein Beispiel für risikogruppenspezifische Programme: Junge Frauen mit erhöhtem Brustkrebsrisiko nach Strahlentherapie im Brustkorb haben Anspruch auf ein Brust-MRT ab dem 25. Lebensjahr – ein Programm, das in einer ersten Runde bei 163 Patientinnen 24 Brustkrebsfälle im Frühstadium entdeckte. Auf versorgungspolitischer Ebene wurde 2024 erstmals beschlossen, dass auch Patienten mit hämatologischen Erkrankungen und Langzeitkomplikationen in ambulante Spezialversorgungsprogramme (ASV) aufgenommen werden können.
Körperliche Aktivität als Schutzfaktor
Eine 2024 auf dem amerikanischen Krebskongress präsentierte und anschließend prominent publizierte Studie untersuchte bei knapp 900 Darmkrebspatienten nach Operation und Chemotherapie den Effekt gezielter körperlicher Aktivität. Patienten, die drei- bis viermal pro Woche 45 bis 60 Minuten zügig gingen und damit ihre metabolische Aktivität steigerten, hatten eine um 7 Prozent absolut bessere Überlebensrate – vor allem wegen einer deutlich geringeren Rate an Zweittumoren. Körperliche Aktivität ist damit kein optionales Extra, sondern ein evidenzbasierter Bestandteil der Nachsorge – individuell angepasst an Krebsart, Therapie und Lebenssituation.
Kernbotschaften im Überblick
Nachsorge ist heute individualisiert – pauschale Konzepte greifen nicht mehr. Entscheidend sind Krebsdiagnose, Therapieform, Familienanamnese und psychosoziale Situation. Langzeitfolgen reichen von körperlichen Organschäden über Infertilität und Fatigue bis zum erhöhten Risiko für Zweittumoren. Patienten sollen aktiv einbezogen und motiviert werden – besonders junge Erwachsene. Anlaufstellen wie die Transitionssprechstunde an der Charité bieten strukturierte Begleitung für genau diese Gruppen. Für alle individuellen Fragen zu Nachsorge und Therapie gilt: Bitte die persönliche Situation mit dem behandelnden Arzt besprechen.