Wenn ein Kind Krebs hat: Nebenwirkungen, Alltag und was Familien wirklich hilft
Dies ist ein Veranstaltungsinhalt von SURVIVORS HOME am 05.05.2026.
In dieser Folge der Gesprächsreihe Nebenwirkungen von Krebstherapien steht ein besonderes Thema im Mittelpunkt: Was bedeutet es, wenn ein Kind an Krebs erkrankt – und welche Herausforderungen entstehen dabei für die ganze Familie? Moderator Marco Ammer spricht mit Dr. Maike Kollendt, Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie aus der Praxis am Volkspark in Berlin, und mit Sabine, deren Sohn Jonathan einen Hirntumor überlebt hat. Das Gespräch beleuchtet Nebenwirkungen aus zwei Perspektiven: der medizinischen Einordnung und dem gelebten Alltag einer betroffenen Familie.
Krebs bei Kindern – medizinische Besonderheiten
Kinderonkologie ist in Deutschland strikt von der Erwachsenenonkologie getrennt, auch wenn es inhaltliche Schnittmengen gibt. Die Behandlung erfolgt in spezialisierten Kliniken durch Kinderärzte mit onkologischer Zusatzausbildung – niedergelassene Kinderonkologen sind die Ausnahme. Dr. Kollendt erläutert, dass das Nebenwirkungsspektrum bei Kindern dem Erwachsener grundsätzlich ähnelt: geschwächtes Immunsystem, Infektanfälligkeit, Polyneuropathie und Ernährungsprobleme treten in beiden Gruppen auf. Der entscheidende Unterschied liegt in der besonderen Verletzlichkeit des kindlichen Organismus und in der eingeschränkten Fähigkeit der Kinder, Beschwerden selbst zu kommunizieren.
Immunschutz im Alltag – Wissen schützt
Ein geschwächtes Immunsystem bedeutet für Familien konkreten Handlungsbedarf: Schon erhöhte Temperatur beim Kind kann eine medizinische Notfallsituation darstellen und erfordert sofortige Abklärung. Sabine berichtet, wie sie und ihr Mann den Alltag während der 72-wöchigen Chemotherapie ihres Sohnes neu organisiert haben – von strikten Hygieneregeln im Krankenhaus über den Umgang mit Geschwisterkindern bis hin zu selbstbewusstem Einfordern von Schutzmaßnahmen gegenüber dem medizinischen Personal und Fremden. Eltern kennen ihr Kind am besten – dieses Bauchgefühl ist laut Sabine eine verlässliche Orientierung, auch dann, wenn medizinische Laien zunächst zögern.
Ernährung unter Chemotherapie
Appetitlosigkeit und Übelkeit gehören zu den häufigen Nebenwirkungen – bei Kindern kommt erschwerend hinzu, dass sie ohnehin wählerisch essen und Geschmacksveränderungen durch die Therapie kaum einordnen können. Dr. Kollendt weist darauf hin, dass Mangelernährung auch bei normalgewichtigen Kindern auftreten kann und möglichst frühzeitig adressiert werden sollte. Hochkalorische Trinknahrung kann eine sinnvolle Ergänzung sein – Sabines Sohn Jonathan hat seine Version als Bananen-Shake akzeptiert. Familien müssen nicht alle Mahlzeiten erkämpfen: Pragmatismus und Kreativität helfen mehr als Perfektionismus.
Psychische Belastung – für Kinder und Eltern
Neben körperlichen Nebenwirkungen entstehen während einer Kinderkrebserkrankung erhebliche emotionale Belastungen. Isolation durch Hygieneauflagen, fehlende Geburtstagseinladungen, Ausfall der gewohnten Tagesstruktur und die permanente Anspannung der Eltern prägen den Alltag. Sabine beschreibt, wie bewusst eingesetzte Ablenkung – Tabletzeit ohne Begrenzung, Lego-Projekte, spontane Ausflüge ins Schwimmbad – dem Kind Normalität zurückgegeben hat. Dr. Kollendt bestätigt: Was für gesunde Kinder als Bildschirmbegrenzung gilt, ist im Kontext einer Krebstherapie neu zu bewerten. Hilfe annehmen – von Freunden, Familie, ehrenamtlichen Strukturen – nennt Sabine als einen der wichtigsten Ratschläge.
Wie erkenne ich als Elternteil, ob mein Kind Schmerzen hat oder sich nicht wohl fühlt?
Eltern kennen ihr Kind in der Regel besser als jeder andere. Sabine beschreibt, dass sie schon am Morgen an den Augen ihres Sohnes erkennt, ob er Kopfschmerzen hat – obwohl er Schmerzen oft verbirgt. Dieses Körperwissen ist wertvoll und sollte ernst genommen werden, auch im Gespräch mit dem medizinischen Team. Mutter und Vater nehmen dabei oft unterschiedliche Signale wahr – das Zusammenspiel beider Perspektiven ist hilfreich.
Ab welcher Temperatur sollte ich mit meinem Kind unter Chemo sofort zum Arzt?
Dr. Kollendt erklärt, dass für Kinder und Erwachsene unter Chemotherapie gleichermaßen gilt: Bereits ab 38 °C Körpertemperatur besteht die Empfehlung, sofort ärztliche Abklärung zu suchen. Ein Portkatheter kann sich infiziert haben – das ist eine ernstzunehmende medizinische Situation, die nicht abgewartet werden sollte. Bitte besprechen Sie die für Ihr Kind konkret geltende Grenztemperatur mit dem behandelnden Arztteam.
Was kann ich tun, wenn mein Kind kaum etwas essen will?
Appetitlosigkeit und veränderte Geschmackswahrnehmung sind häufige Nebenwirkungen der Chemotherapie. Dr. Kollendt empfiehlt, frühzeitig mit dem Arztteam über Ernährungssupport zu sprechen – hochkalorische Trinknahrung ist eine bewährte Option, die für Kinder auch individuell angepasst werden kann. Sabine hat die Standardtrinknahrung mit Lieblingsaromen kombiniert, was ihrem Sohn gut schmeckte. Eltern müssen die Mahlzeiten nicht perfekt machen – Kalorien zählen mehr als Vollständigkeit.
Darf ich als Elternteil eine ärztliche Zweitmeinung einholen?
Ja – und das ist ausdrücklich empfohlen. Dr. Kollendt begrüßt Zweitmeinungswünsche und sieht sie als Vertrauensbeweis. Sabine berichtet, dass eine eingeholte Zweitmeinung für ihren Sohn lebensentscheidend war: Ein anderes Zentrum konnte eine Operation durchführen, die am ersten Haus für nicht möglich gehalten wurde. In der Kinderonkologie arbeiten Zentren zwar über Tumorboards zusammen – das ersetzt aber nicht den persönlichen Wunsch nach einer weiteren fachärztlichen Einschätzung. Informierte Eltern dürfen und sollen bei Therapieentscheidungen mitsprechen.
Wo finden betroffene Eltern Unterstützung und Austausch?
Sabine empfiehlt nachdrücklich, sich mit anderen betroffenen Familien zu vernetzen – über Foren, Selbsthilfegruppen oder Elterngruppen. Der Austausch mit Menschen in ähnlicher Situation kann Sicherheit geben und praktische Erfahrungen vermitteln, die kein Fachbuch liefert. Landeskrebsgesellschaften können bei der Suche nach geeigneten Gruppen helfen. Auch SURVIVORS HOME Berlin bietet Angebote und Vernetzungsmöglichkeiten für Betroffene.
Tumorboards und informierte Entscheidungen
Tumorkonferenzen (Tumorboards) sind ein zentrales Qualitätsinstrument der Onkologie: Fachärzte verschiedener Disziplinen besprechen gemeinsam Behandlungsempfehlungen. Dr. Kollendt erläutert, dass auch niedergelassene Onkologen an diesen Konferenzen teilnehmen – online oder vor Ort. Wichtig zu wissen: Die Empfehlung des Tumorboards ist kein bindender Beschluss. Patienten und Eltern haben das Recht, bei Therapieentscheidungen aktiv mitzusprechen – und dieses Recht sollte bewusst genutzt werden.
Fazit: Was Eltern mitnehmen können
Sabine fasst am Ende der Gesprächsrunde zusammen, was ihr in dieser Zeit am meisten geholfen hat: kein Vergleich mit anderen Familien, Hilfe annehmen statt alles alleine tragen, Kontakt zu ähnlich Betroffenen suchen – und Erziehungsregeln flexibel handhaben. „Erziehung ist was für Gesunde“ bringt sie auf den Punkt. Dr. Kollendt ergänzt, dass Kinder oft überraschend viel Resilienz zeigen – und dass Erwachsene von diesem Umgang mit schwierigen Situationen lernen können. Das Gespräch macht deutlich: Wissen, Netzwerk und Selbstbewusstsein im Umgang mit dem medizinischen System sind die tragenden Säulen für betroffene Familien.
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