Das Leben im Wandel – Wege finden mit und nach der Krebstherapie
Dies ist ein Veranstaltungsinhalt von SURVIVORS HOME am 20.05.2026.
Konrad Bär, Psychologischer Psychotherapeut und Psychoonkologe am Charité Comprehensive Cancer Center (4C), erklärt in diesem Videobeitrag, was nach dem Ende der Krebsbehandlung im Inneren passieren kann – und welche Wege Betroffene finden können, um sich in einem veränderten Alltag neu zu orientieren. Der Beitrag ist Teil der Inforeihe KREBS, einer Veranstaltungsreihe der Psychoonkologie des Charité Comprehensive Cancer Center in Kooperation mit SURVIVORS HOME Berlin. Moderation: Kristina Röntgen, Psychoonkologin an der Charité.
Wenn das alte Leben nicht mehr zurückkommt
Anhand des Fallbeispiels einer 51-jährigen Grundschullehrerin mit der Diagnose Brustkrebs – im Vortrag als „Frau M.“ vorgestellt – illustriert Konrad Bär, was viele Patienten nach dem Ende der Krebstherapie erleben: den starken Wunsch, das Leben fortzusetzen wie vor der Erkrankung. Doch das ist selten möglich. Die Krebsbehandlung und die Diagnose selbst hinterlassen Nachwirkungen – auf körperlicher, emotionaler, kognitiver und sozialer Ebene. Etwas ist anders, als erwartet – auch wenn man die Primärtherapie gut überstanden hat.
Nachwirkungen der Krebsbehandlung
Auf körperlicher Ebene können anhaltende Erschöpfung und veränderte Körperwahrnehmung auftreten – etwa nach Operationen, die den Körper dauerhaft verändern. Emotional begegnen vielen Patienten Angst vor einem Rückfall, unbekannte Phasen von Traurigkeit oder kurze Wutausbrüche. Auf der Ebene der Gedanken können Szenen aus schwierigen Behandlungsmomenten immer wieder auftauchen. Auch soziale Beziehungen verändern sich: Rollenveränderungen im familiären Umfeld, das Wiederauftauchen alter Konflikte oder das plötzliche Verblassen von Dingen, die früher wichtig waren – all das kann verunsichern.
Standortbestimmung: Erst mal innehalten
Bevor man den nächsten Schritt geht, empfiehlt Bär eine bewusste Standortbestimmung. Angelehnt an den Ratschlag „Wenn du dich verirrst, bleib erst mal stehen“ geht es darum, zunächst wahrzunehmen, wo man sich gerade befindet – bevor man handelt. Konkrete Orientierungsfragen können dabei helfen: Wer steht mir nahe? Welche Stärken haben mir bisher geholfen? Welche Gefühle sind besonders präsent? Wie geht es meinem Körper? Es geht nicht darum, alle Antworten sofort zu haben, sondern einen besseren Zugang zur eigenen Situation zu finden.
Akzeptanz: Das Hier und Jetzt anerkennen
Akzeptanz bedeutet nicht, die aktuelle Situation gut zu finden oder sich ihr zu fügen. Es geht darum, die Realität des gegenwärtigen Moments anzuerkennen – ohne ihn sofort zu bewerten oder wegzuschieben. Je tiefer man mit der eigenen Situation in Kontakt ist, desto eher ist man in der Lage, in ihr zu handeln. Als Übung schlägt Bär vor, sich einige Minuten Zeit zu nehmen, in den eigenen Körper zu spüren und aufkommende Gedanken einfach da sein zu lassen, ohne gleich zu reagieren – und die Eindrücke anschließend zu notieren.
Selbstmitgefühl als innere Ressource
Viele Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens einen starken inneren Kritiker – eine Stimme, die bei Erschöpfung oder wahrgenommenem Versagen sofort mit Selbstkritik antwortet. Konrad Bär stellt dem das Konzept des Selbstmitgefühls entgegen: die Bereitschaft, sich selbst eine wohlwollende, freundliche Haltung zu entwickeln. Das bedeutet, die eigene leidvolle Erfahrung anzuerkennen, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen – und sich selbst das zu sagen, was man einer nahestehenden Person in ähnlicher Lage sagen würde. Selbstmitgefühl ist keine Schwäche und kein Selbstmitleid, sondern eine erlernbare Fähigkeit. Als Übung regt Bär an, sich eine wohlwollende Person vorzustellen, Worte zu formulieren, die diese Person sagen würde – und sie dann zu sich selbst zu sagen.
Werte als innerer Kompass
Inspiriert von der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), einem achtsamkeitsbasierten Ansatz der Verhaltenstherapie, stellt Bär das Konzept persönlicher Werte als inneren Richtungsgeber vor. Werte sind im ACT-Verständnis keine Moralvorstellungen oder externen Vorgaben, sondern frei gewählte, veränderbare Orientierungspunkte für das eigene Leben – vergleichbar mit einem Kompass, der eine Richtung vorgibt. Aus Werten lassen sich konkrete, alltagstaugliche Ziele ableiten: Wer Offenheit in Beziehungen als Wert hat, kann als heutiges Ziel formulieren, einer Freundin eine Nachricht zu schreiben. Orientierungsfragen zur Wertefindung: Wofür will ich in meinem Leben stehen? Was ist mir wichtig? Was würde ich am Ende meines Lebens darüber sagen wollen, wie ich gelebt habe?
Soziale Beziehungen nach der Krebserkrankung
Krebserkrankungen verändern soziale Beziehungen häufig tiefgreifend. Manche Kontakte kommen in der akuten Phase sehr nahe und ziehen sich danach wieder zurück; andere distanzieren sich vollständig. Bär betont, dass man das Verhalten anderer nur begrenzt beeinflussen kann. Der eigene Handlungsspielraum liegt darin, wie man Beziehungen aktiv gestalten möchte: Welche Bedürfnisse will man kommunizieren? Wen möchte man um Unterstützung bitten? Welche Kontakte belasten? Neue Kontakte knüpfen, alte reaktivieren, Grenzen setzen – es gibt dabei kein Richtig und Falsch, sondern nur den eigenen, individuellen Weg.
Psychoonkologische Unterstützungsangebote
Konrad Bär stellt verschiedene Anlaufstellen vor, die Krebsbetroffene in der Nachsorge unterstützen können:
- Charité Comprehensive Cancer Center (4C) – Psychoonkologie und psychoonkologische Ambulanz
- Zertifizierte Krebszentren und die Landeskrebsgesellschaft des jeweiligen Bundeslands
- SURVIVORS HOME Berlin
- Berliner Krebsgesellschaft und Krebsberatung Berlin
- Onkorat Berlin
Neben psychoonkologischer Beratung verweist Bär auch auf Sozialberatung bei sozialrechtlichen Fragen (z. B. Schwerbehinderungsausweis, Berufseinstieg) sowie auf Selbsthilfegruppen als niedrigschwellige Form der Vernetzung und emotionalen Stabilisierung. KI-gestützte Anwendungen können zur ersten Orientierung hilfreich sein – ersetzen jedoch keine professionelle Psychotherapie.
Häufige Fragen aus der Veranstaltung
Was bedeutet Krankheitsbewältigung oder Krankheitsverarbeitung?
Die Begriffe werden häufig so verwendet, als gäbe es einen Prozess, den man irgendwann „abschließt“ – als wäre man irgendwann fertig mit der Erkrankung. Konrad Bär beschreibt sie als Oberbegriffe für den individuellen Umgang mit der Krebserkrankung. Es gibt dabei kein Richtig und Falsch: Jeder hat seine eigene Art der Krankheitsverarbeitung, die sich nicht an einem bestimmten Zeitplan messen lässt.
Welche Unterstützungsangebote gibt es neben der psychoonkologischen Beratung?
Nicht jeder Krebsbetroffene braucht psychoonkologische Beratung – aber jeder sollte wissen, dass es sie gibt. Darüber hinaus bieten Sozialberatungsstellen Hilfe bei sozialrechtlichen Fragen, etwa rund um den Schwerbehinderungsausweis oder den Wiedereinstieg in den Beruf. Selbsthilfegruppen sind eine wertvolle, niedrigschwellige Form der Unterstützung: Sie bieten Vernetzung, emotionalen Halt und praktisches Erfahrungswissen aus erster Hand.
Kann künstliche Intelligenz bei der Orientierung nach einer Krebserkrankung helfen?
Konrad Bär bewertet KI-Anwendungen als sinnvolle Ergänzung – insbesondere zur ersten Orientierung, zur Recherche und zum Sortieren eigener Gedanken und Prioritäten. Er empfiehlt, KI nicht als alleinige Unterstützung zu nutzen, da auch die besten Modelle Fehler machen. Für tatsächliche psychotherapeutische Anliegen ist KI kein Ersatz für professionelle Behandlung. Wer KI nutzt, sollte auf den Datenschutz achten und bewusst entscheiden, welche persönlichen Informationen weitergegeben werden.