Nebenwirkung Polyneuropathie – wenn Nervenschäden durch Krebstherapien den Alltag verändern
Dies ist ein Veranstaltungsinhalt von SURVIVORS HOME am 05.05.2026.
In dieser Talkrunde der Reihe Nebenwirkungen – wenn sich der Körper verändert sprechen drei Frauen offen über Polyneuropathien als Folge von Krebstherapien: die Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie Dr. Maike Kollendt (Praxis am Volkspark, Berlin), die onkologische Pflegefachkraft und Bloggerin Pauline Kludt sowie die Patientin Edyta, die seit 2018 mit einer metastasierten Krebserkrankung lebt. Das Gespräch beleuchtet, wie Polyneuropathien entstehen, wie sie sich anfühlen, was Betroffene selbst tun können – und warum offene Kommunikation zwischen Patienten und Behandlungsteam entscheidend ist.
Was ist eine Polyneuropathie und wie entsteht sie?
Polyneuropathien sind Nervenschädigungen, die als Nebenwirkung bestimmter Krebstherapien auftreten können. Dr. Kollendt erklärt, dass nicht alle Therapien gleichermaßen betroffen sind: Besonders häufig treten sie bei bestimmten Chemotherapeutikagruppen auf, darunter Taxane (auch bei Brustkrebs eingesetzt), Anthrazykline sowie Platine wie Cisplatin und Carboplatin. Die Erscheinungsformen reichen von Taubheitsgefühlen und Kribbeln (Minussymptome) bis hin zu starken Schmerzen in Füßen und Beinen (Plussymptome). Auch Probleme mit der Feinmotorik – etwa das Schließen von Knöpfen oder das Halten von Besteck – können auftreten.
Wie fühlt es sich an? Edytas Erfahrung
Edyta beschreibt, wie ihre Polyneuropathie nach der zweiten Chemotherapie schleichend begann: erst ein Taubheitsgefühl in den Fußsohlen, das sie zunächst ignorierte – bis der Schmerz beim Aufstehen unerträglich wurde. Hinzu kamen Krampfanfälle in Mittelfuß und Händen, die sie zeitweise daran hinderten, eine Gabel selbst loszulassen. Das Schlimmste war für sie nicht allein der Schmerz, sondern das Gefühl von Hilflosigkeit – nicht mehr eigenständig mit ihren Hunden spazieren gehen zu können, obwohl ihr Mann im 24-Stunden-Schichtdienst ist.
Frühzeitige Aufklärung und aktive Kommunikation
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Bedeutung von Aufklärung vor Therapiebeginn. Dr. Kollendt betont, dass Ärzte verpflichtet sind, Patienten über das Risiko einer Polyneuropathie aufzuklären – auch dann, wenn die Erkrankung möglicherweise dauerhaft bestehen bleibt. Pauline Kludt ergänzt aus pflegerischer Perspektive: In ihrer Einrichtung werden bei risikoreichen Therapien gezielt Screeningbögen eingesetzt, um Symptome frühzeitig zu erfassen. Wichtig sei dabei, nicht pauschal zu fragen „Haben Sie Polyneuropathie?“, sondern konkret nachzuhaken: Kribbeln? Taubes Gefühl in den Fußsohlen? Verschlechtertes Gleichgewicht? Patienten werden ausdrücklich ermutigt, auch vermeintlich kleine Beschwerden anzusprechen – das erleichtere dem Behandlungsteam die Reaktion erheblich.
Was kann man tun? Behandlung und Selbsthilfe
Dr. Kollendt stellt klar: Eine kausale Behandlung der Polyneuropathie gibt es derzeit nicht. Schmerzmittel, die spezifisch an den Nerven wirken, können die Schmerzen kontrollieren, aber nicht die Ursache beheben. Umso wichtiger sind unterstützende Maßnahmen. Empfohlen werden Stimulation und Bewegung – etwa barfuß laufen, Igelball nutzen, Ergotherapie – sowie das Vermeiden weiterer Risikofaktoren wie erhöhter Blutzucker oder gesteigerter Alkoholkonsum. Wenn die Polyneuropathie den Alltag einschränkt, muss laut Dr. Kollendt eine Dosisreduktion oder Pausierung der verursachenden Substanz ernsthaft erwogen werden – immer im Abgleich mit Therapieziel und Prognose.
Edyta berichtet, was ihr nach eigener Einschätzung am meisten geholfen hat: eine selbst gebaute Kneippstrecke im Garten aus verschiedenen Kiessteinen, tägliche Stimulation mit dem Igelball, Lymphdrainage, Ergotherapie, Stricken zur Feinmotorikübung sowie konsequente Bewegung – mindestens 10.000 Schritte täglich, egal bei welchem Wetter. Das Wichtigste, so ihr Fazit: die Kombination vieler kleiner Maßnahmen, mit Bewegung als Kern.
Kühlung während der Chemotherapie: Was sagt die Evidenz?
Edyta erwähnt, dass sie während ihrer Therapie nichts von der Möglichkeit wusste, die Hände und Füße während der Chemotherapie-Infusion zu kühlen. Dr. Kollendt ordnet die Evidenzlage ein: Für bestimmte Therapien, insbesondere Taxane, gibt es eine mittelstarke Evidenz für den präventiven Nutzen von Kühlhandschuhen und Kühlsocken. Die Evidenz ist nicht für alle Chemotherapeutika gleich stark, aber das Verfahren sollte Patienten bei entsprechender Indikation
Häufige Fragen zu Polyneuropathien – beantwortet von Dr. Maike Kollendt und Pauline Kludt im Gespräch:
Woran erkenne ich, ob ich eine Polyneuropathie entwickle?
Typische erste Zeichen sind Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Schmerzen in Füßen und Händen. Auch Probleme mit dem Gleichgewicht oder der Feinmotorik – etwa das Schließen von Knöpfen oder das Halten von Besteck – können frühe Hinweise sein. Manche Symptome entwickeln sich schleichend und werden zunächst nicht als Polyneuropathie eingeordnet. Wer unsicher ist, sollte das Behandlungsteam gezielt ansprechen.
Muss ich das Thema selbst ansprechen oder fragt mein Behandlungsteam nach?
Beides ist wichtig. Ärzte und Pflegefachkräfte sind angehalten, bei risikoreichen Therapien regelmäßig gezielt nachzufragen – nicht pauschal, sondern konkret: Kribbeln? Taubheit? Gleichgewichtsprobleme? Gleichzeitig gilt: Auch wer von sich aus berichtet, hilft dem Team, frühzeitig zu reagieren. Pauline Kludt betont ausdrücklich, dass auch vermeintlich kleine Beschwerden angesprochen werden sollen – das Team ist dankbar dafür, nicht genervt.
Kann man Polyneuropathie behandeln?
Eine kausale Behandlung, die die Nervenschädigung rückgängig macht, gibt es derzeit nicht. Schmerzmittel, die gezielt an den Nerven wirken, können die Schmerzen lindern, beheben aber nicht die Ursache. Wichtig ist: Das bedeutet nicht, dass man nichts tun kann. Bewegung, Stimulation und das Vermeiden zusätzlicher Risikofaktoren können den Verlauf günstig beeinflussen.
Was kann ich selbst tun?
Studien zeigen, dass Bewegung und Stimulation besonders wirksam sind: barfuß laufen, Igelball nutzen, Ergotherapie. Risikofaktoren wie erhöhter Blutzucker oder gesteigerter Alkoholkonsum sollten vermieden werden. Wichtig ist dabei: Betroffene tragen nicht die alleinige Verantwortung für den Verlauf – die Erkrankung wird durch Medikamente verursacht und lässt sich durch Eigeninitiative nur bedingt beeinflussen.
Wann muss die Therapie angepasst werden?
Wenn die Polyneuropathie den Alltag einschränkt, ist das der Punkt, an dem Onkologen eine Dosisreduktion oder Pausierung der verursachenden Substanz ernsthaft in Betracht ziehen sollten. Die Entscheidung hängt immer vom Therapieziel und der Prognose ab und muss individuell im Gespräch getroffen werden. Bitte besprechen Sie Ihre Situation mit Ihrem Behandlungsteam.
Hilft Kühlung während der Chemotherapie wirklich?
Für bestimmte Therapien – insbesondere Taxane – gibt es eine mittelstarke Evidenz dafür, dass das Kühlen von Händen und Füßen während der Infusion das Risiko einer Polyneuropathie reduzieren kann. Die Evidenz ist nicht für alle Chemotherapeutika gleich stark. Dr. Kollendt empfiehlt, dass das Verfahren Patienten bei entsprechender Indikation proaktiv angeboten werden sollte.
Wo finde ich zuverlässige Informationen?
Pauline Kludt empfiehlt als erste Anlaufstellen die Krebsberatungsstellen in jedem Bundesland, das Deutsche Krebsforschungszentrum sowie die Blauen Ratgeber der Deutschen Krebshilfe. KI-Tools können eine erste Orientierung geben, sollten aber immer vom Onkologieteam gegengeprüft werden.