Im Fokus: Brustgesundheit neu denken!
Dies ist ein Veranstaltungsinhalt von SURVIVORS HOME am 16.10.2025.
Nicht jeder Brustkrebs ist als Knoten tastbar. Das invasiv-lobuläre Mammakarzinom, kurz ILC, macht rund 10 bis 15 Prozent aller Brustkrebserkrankungen aus. Es wächst oft diffus, ist schwerer zu ertasten und in der Bildgebung schwerer zu erkennen als andere Formen. In dieser Ausgabe von Im Fokus spricht Marco Ammer darüber mit Prof. Dr. Marion Kiechle, zum Zeitpunkt der Aufzeichnung Direktorin der Frauenklinik am Klinikum rechts der Isar der TU München und Expertin für gynäkologische Onkologie und erbliche Krebserkrankungen, sowie mit Dr. Yvonne Niepelt. Die Ärztin ist 2023 selbst an einem ILC erkrankt und bringt ihre persönliche Perspektive ein.
Was das ILC von anderen Formen unterscheidet
Die häufigste Form ist das invasiv-duktale Karzinom. Es geht von den Zellen der Milchgänge aus und zeigt sich in der Mammografie oft als dichter, heller Fleck. Häufig ist es als harter, umschriebener Knoten tastbar. Das invasiv-lobuläre Karzinom geht dagegen von den Drüsenläppchen aus und breitet sich, wie Marion Kiechle erläutert, eher feinverzweigt im umliegenden Gewebe aus. Es bildet deshalb oft keinen klassischen Knoten und ist in der Mammografie mitunter kaum sichtbar.
Die Folge: Das ILC wird häufiger erst in einem fortgeschritteneren Stadium entdeckt. Nach Angaben von Marion Kiechle erkennt die Mammografie rund 85 Prozent aller Brustkrebsfälle, die übrigen fallen auf anderem Weg auf, etwa im Ultraschall oder in der Magnetresonanztomografie (MRT). Hinweise auf ein ILC kann aber auch die Mammografie liefern, zum Beispiel narbige Veränderungen oder Unterschiede zwischen beiden Brüsten. Solche Befunde werden dann weiter abgeklärt.
Veränderungen ohne tastbaren Knoten
Yvonne Niepelt bemerkte zunächst eine Verhärtung des Brustdrüsengewebes im Vergleich zur anderen Seite. Eine erste Mammografie brachte keinen eindeutigen Befund. Einige Wochen später zogen sich Brustwarze und Drüsengewebe ein, die Haut zeigte eine leichte Orangenhaut, und über dem Schlüsselbein war ein Lymphknoten tastbar. Erst eine MRT und eine Gewebeprobe brachten Klarheit: ein fortgeschrittenes, hormonrezeptorpositives ILC, ohne Metastasen in anderen Organen.
Als Ärztin kannte sie den Begriff, sie hatte sogar auf diesem Fachgebiet promoviert. Dass gerade diese Form vorlag, war für Yvonne Niepelt dennoch eine Überraschung, weil kein Knoten zu tasten war.
Warnzeichen kennen, Veränderungen ernst nehmen
Neben Mammografie und Abtasten gibt es Zeichen, die Frauen oder ihre Partner selbst bemerken können: eine Brust wird plötzlich kleiner als die andere, die Brustwarze verändert sich, kippt ab oder zieht sich ein, Blut tritt aus der Brustwarze aus oder es zeigt sich eine umschriebene Orangenhaut. Diese entsteht, wenn Krebszellen Lymphbahnen verstopfen und sich Gewebeflüssigkeit staut. Die Poren der Haut werden dann deutlich sichtbar.
Marion Kiechle rät, die Brust regelmäßig, etwa einmal im Monat, vor dem Spiegel zu betrachten, auch mit erhobenen Armen oder nach vorn gebeugt. So können Einziehungen sichtbar werden, die sonst verborgen bleiben. Wer eine Veränderung bemerkt, sollte sie nicht abtun, sondern ärztlich abklären lassen.
Zur gesetzlichen Früherkennung gehören das Mammografie-Screening, zu dem Frauen ab 50 Jahren alle zwei Jahre eingeladen werden, und das jährliche Abtasten der Brust in der frauenärztlichen Praxis. Für Frauen mit familiär gehäuftem Brustkrebs gibt es eigene Programme zur Früherkennung.
Erbliche Veranlagung
Auch das ILC kann erblich bedingt sein, wenn auch seltener als Formen, die auf Veränderungen der Gene BRCA1 und BRCA2 beruhen. Betroffen ist dann das sogenannte CDH1-Gen. Frauen mit dieser Veränderung haben nach Angaben von Marion Kiechle ein Lebenszeitrisiko von etwa 50 Prozent, an Brustkrebs zu erkranken. Zudem ist bei Frauen und Männern mit dieser Genveränderung das Risiko für Magenkrebs deutlich erhöht. Treten Brust- und Magenkrebs in einer Familie gehäuft auf, kann eine genetische Beratung sinnvoll sein.
Yvonne Niepelt hatte sich nach der Erkrankung ihrer Mutter an Eierstockkrebs bereits früher genetisch untersuchen lassen. Das Ergebnis war unauffällig, erkrankt ist sie dennoch.
Wonach sich die Behandlung richtet
Ob ein Karzinom lobulär oder duktal ist, entscheidet nicht über die Behandlung. Maßgeblich sind nach Erläuterung von Marion Kiechle die Eigenschaften des Tumors: vor allem der Hormonrezeptorstatus und der HER2-Status, die Tumorgröße, ein möglicher Befall der Lymphknoten und Metastasen. Hinzu kommen Begleiterkrankungen und die allgemeine Verfassung der Patientin. Eine Behandlung soll helfen und die Situation nicht verschlechtern.
Das ILC ist in der Regel hormonrezeptorpositiv und zeigt keine HER2-Überexpression. Damit kommen antihormonelle Therapien in Betracht, die meist über mindestens fünf Jahre eingenommen werden, bei erhöhtem Risiko auch länger. Bei hohem Rückfallrisiko, etwa bei befallenen Lymphknoten, größeren Tumoren oder einem ungünstigen Genexpressionsprofil, kann nach Angaben von Marion Kiechle zusätzlich eine zielgerichtete Therapie infrage kommen, die in die Zellteilung eingreift. Welche Behandlung im Einzelfall geeignet ist, wird mit dem Behandlungsteam besprochen.
Yvonne Niepelt holte sich nach der Diagnose eine ärztliche Zweitmeinung ein. Ihre Behandlung umfasste eine antihormonelle und eine zielgerichtete medikamentöse Therapie, eine Operation und eine Bestrahlung. Die medikamentöse Therapie setzt sie fort. Ihre Rolle als Patientin hat sie bewusst angenommen: Sie ist gut informiert und fragt nach, überlässt die Entscheidungen aber dem Behandlungsteam, dem sie vertraut.
Brusterhaltend operieren oder Mastektomie
Das ILC tritt häufiger in beiden Brüsten auf. Deshalb wird nach gesicherter Diagnose vor jeder Operation eine MRT der Brust durchgeführt, um auch die andere Seite zu beurteilen. Weil der Tumor bei der Entdeckung oft schon größer ist, ist häufiger eine Mastektomie notwendig, also die Entfernung des Brustdrüsengewebes. Auf Wunsch ist ein Wiederaufbau der Brust aus Eigengewebe oder mit Implantaten möglich.
Ob brusterhaltend operiert werden kann, hängt unter anderem vom Verhältnis zwischen Tumorgröße und Brustgröße ab. In Grenzfällen wird gemeinsam mit der Patientin abgewogen. Kosmetische Folgen wie Dellen lassen sich später häufig ausgleichen.
Mit Nebenwirkungen leben
Yvonne Niepelt beschreibt Knochen- und Muskelschmerzen, trockene Haut und Beschwerden, die bei Wetterumschwüngen zunehmen. Ihr helfen viel Bewegung, Wärme und eine eiweißreiche Ernährung. Andere Nebenwirkungen, etwa veränderte Blutwerte, spürt sie selbst kaum, sie zeigen sich erst bei den Kontrollen.
Gelenksteifigkeit und Schmerzen gehören nach Angaben von Marion Kiechle zu den typischen Nebenwirkungen antihormoneller Therapien. Viele Patientinnen berichten von einer ausgeprägten Steifigkeit am Morgen, die sich mit zunehmender Bewegung bessert. Bei stärkeren Beschwerden können zeitweise Schmerzmittel Linderung verschaffen, die Anwendung ist mit dem behandelnden Arzt abzustimmen.
Nicht alle Patientinnen kommen so gut mit der Behandlung zurecht. Hitzewallungen und Schlafstörungen können sehr belasten, besonders im Berufsalltag. Gegen Hitzewallungen gibt es inzwischen auch neuere Medikamente, die zentral im Gehirn ansetzen. Ob sie im Einzelfall infrage kommen, klärt der behandelnde Arzt.
Forschung und klinische Studien
Die Forschung zum Brustkrebs entwickelt sich nach Einschätzung von Marion Kiechle stetig weiter. Sie ermutigt dazu, sich über die Teilnahme an klinischen Studien zu informieren. Zertifizierte Brustzentren beteiligen sich an Studien und wissen auch, wo andere Studien laufen. Ob eine Teilnahme im Einzelfall sinnvoll ist, lässt sich nur gemeinsam mit dem Behandlungsteam beurteilen. Mehr zu Ablauf und Voraussetzungen bietet der Beitrag Klinische Studien für Krebsbetroffene.
Nachsorge heute und eine Studie zur Liquid Biopsy
Die Nachsorge nach Brustkrebs ist in der Leitlinie geregelt und erstreckt sich über fünf Jahre: in den ersten drei Jahren in kurzen Abständen, danach seltener. Sie umfasst das Abtasten der Brust, Ultraschall und Mammografie. Eine gezielte Suche nach Metastasen, etwa mit CT, Knochenszintigrafie oder Tumormarkern, ist ohne Beschwerden nicht vorgesehen. Dahinter steht die bisherige Lehrmeinung, dass eine frühere Entdeckung von Metastasen die Behandlung nicht verändert, die Lebensqualität aber belasten kann.
Manche Patientinnen lassen zusätzliche Untersuchungen auf eigene Kosten durchführen, andere möchten nach Abschluss der Behandlung bewusst Abstand gewinnen. Beides ist nachvollziehbar. Jeder Mensch geht anders mit der Erkrankung um.
Weil sich die Behandlungsmöglichkeiten bei Metastasen deutlich verbessert haben, wird diese Lehrmeinung derzeit überprüft. Die SURVIVE-Studie, eine randomisierte Phase-III-Studie unter Leitung des Universitätsklinikums Ulm mit geplant rund 3.500 Teilnehmern, untersucht, ob eine intensivierte Nachsorge mit regelmäßigen Bluttests Metastasen früher erkennt und das Überleben verbessert. Ergebnisse liegen noch nicht vor. Die Liquid Biopsy ist kein Bestandteil der regulären Nachsorge, die Studie hat keine unmittelbare Bedeutung für die aktuelle Behandlung.
Was im Alltag hilft
Yvonne Niepelt verzichtet auf Alkohol, achtet auf eine gesunde Ernährung mit wenig Süßem und auf ausreichend Ruhe. Wichtig ist ihr Resilienz: Stress zu vermeiden, auf sich selbst zu achten und wahrzunehmen, was guttut und was nicht.
Marion Kiechle empfiehlt regelmäßige Bewegung, idealerweise rund vier Stunden pro Woche. Dafür reichen Spaziergänge oder Radfahren, eine bestimmte Pulsfrequenz ist nicht nötig. Bewegung lässt sich gut in den Alltag einbauen, etwa mit der Treppe statt dem Aufzug oder einem Fußweg von einer Haltestelle früher. Feste Verabredungen zum Sport helfen, dranzubleiben.
Außerdem rät sie, nach der Diagnose nicht mehr als etwa fünf Kilogramm zuzunehmen. Nach ihren Angaben treten bei stärkerer Gewichtszunahme häufiger Rückfälle und Metastasen auf. Antihormonelle Therapien können zu Wassereinlagerungen führen, darüber hinaus sollte das Gewicht möglichst stabil bleiben. Eine Ernährungsberatung kann dabei unterstützen.
Mit der Angst vor einem Rückfall umgehen
Yvonne Niepelt kennt Tage, an denen sie gar nicht an die Erkrankung denkt, und andere, an denen die Angst da ist. Sie beobachtet ihren Körper, untersucht sich regelmäßig selbst und möchte lieber mehr wissen als zu wenig. Zugleich versucht sie, der Angst nicht zu viel Raum zu geben, denn das Leben soll weitergehen.
Viele erleben die Erkrankung auch als Anlass, das eigene Leben neu zu ordnen. Yvonne Niepelt hat erfahren, dass sich mit der Erkrankung der eigene Blick verändern kann. Nach Erfahrung von Marion Kiechle prüfen viele Patientinnen, was in ihrem Leben gut läuft und was nicht, und ändern bewusst etwas.
Wer die Belastung nicht allein oder mit Unterstützung von Familie und Freunden bewältigen kann, findet Hilfe in der Psychoonkologie. Beratung und Vermittlung bieten unter anderem die Landeskrebsgesellschaften, auch für Angehörige.
Auch Männer können erkranken
Brustkrebs bei Männern ist mit unter einem Prozent aller Fälle sehr selten. Wer als Mann Veränderungen oder einen Knoten in der Brust bemerkt, sollte dies in einem Brustzentrum abklären lassen. Die Behandlung folgt nach Angaben von Marion Kiechle denselben Grundsätzen wie bei Frauen.
Die eigene Brustdichte kennen
Yvonne Niepelt hält es für wichtig, dass jede Frau ihre Brustdichte kennt. In dichtem Brustgewebe sind Tumoren in der Mammografie schwerer zu erkennen. Ob bei einer sehr dichten Brust ergänzende Untersuchungen sinnvoll sind, lässt sich in der Vorsorge ärztlich besprechen.
Zum Abschluss verweist Marion Kiechle auf die insgesamt guten Heilungschancen bei Brustkrebs, gerade im Vergleich zu vielen anderen Krebsarten.
Begriffe kurz erklärt
Was bedeutet lobulär, was bedeutet duktal?
Die Brust besteht aus Drüsenläppchen (Lobuli), in denen Milch gebildet wird, und aus Milchgängen (Dukti), die sie ableiten. Ein duktales Karzinom geht von den Zellen der Milchgänge aus, ein lobuläres von den Drüsenläppchen. Das duktale Karzinom ist die häufigste Form.
Was bedeutet hormonrezeptorpositiv?
Die Tumorzellen tragen Andockstellen, sogenannte Rezeptoren, für die Hormone Östrogen oder Progesteron. Ihr Wachstum wird durch diese Hormone angeregt. Antihormonelle Therapien setzen an diesem Mechanismus an.
Was ist der HER2-Status?
HER2 ist eine Struktur an der Zelloberfläche, die das Zellwachstum fördert. Liegt sie in großer Zahl vor, spricht man von einer Überexpression und von HER2-positivem Brustkrebs. Für diese Form gibt es eigene Behandlungsansätze. Beim ILC liegt in der Regel keine Überexpression vor.
Was ist eine Liquid Biopsy?
Bei einer Liquid Biopsy wird das Blut auf Bestandteile von Tumoren untersucht, etwa auf frei zirkulierende Tumor-DNA oder einzelne Tumorzellen. In der Nachsorge nach Brustkrebs ist das Verfahren derzeit kein Standard und wird in Studien untersucht.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und ersetzt keine Diagnose oder Therapieentscheidung. Bitte besprechen Sie Fragen zu Ihrer Erkrankung und Behandlung mit Ihrem behandelnden Arzt.
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