Bewegung und Sport bei Fatigue
Dies ist ein Veranstaltungsinhalt von SURVIVORS HOME am 21.05.2026.
Dieser Videobeitrag ist der dritte Teil der Reihe Im Fokus: Tumor-Fatigue. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Bewegung trotz anhaltender Erschöpfung gelingen kann – und warum sie, trotz aller Hürden, kaum zu ersetzen ist. Die Sportwissenschaftlerin Verena Krell, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Sportmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin und Koordinatorin des Netzwerks OnkoAktiv Berlin, stellt die Studienlage vor und erklärt Zugangswege zur Bewegungstherapie. Anne-Luise Kitzerow, Brustkrebs-Betroffene, Autorin und Bloggerin, sowie Prof. Ralf Hafner, Prostatakrebs-Betroffener und stellvertretender Vorsitzender des Regionalverbands Prostatakrebs-Selbsthilfe Berlin-Brandenburg, teilen ihre persönlichen Erfahrungen. Moderation: Marco Ammer.
Sport, Bewegung, körperliche Aktivität – ein Unterschied mit Bedeutung
Verena Krell beginnt mit einer Begriffsklärung, die für Betroffene praktische Relevanz hat. Körperliche Aktivität meint jede Form von Bewegung im Alltag – alles, was über ruhiges Liegen hinausgeht, jede Muskelkontraktion mit erhöhtem Energiebedarf. Sport ist eine geplante, strukturierte Unterform davon, die mit der Absicht durchgeführt wird, sich zu bewegen. Entscheidend ist also nicht die Intensität, sondern die Intention. Diese Einordnung hat praktische Bedeutung: Der Begriff „Sport“ erzeugt bei vielen Betroffenen eine Hemmschwelle – dabei kann auch leichte, regelmäßige Alltagsbewegung bereits wirksam sein.
Erfahrungsberichte: Wie Betroffene den Zugang zur Bewegung fanden
Anne-Luise Kitzerow schildert, wie sich Fatigue nach 16 Chemotherapien, mehreren Operationen, Bestrahlung und einer zweijährigen Zellhemmer-Therapie als qualitativ andere Form von Erschöpfung zeigte: ein plötzliches, tiefes Erschöpftsein, das auch nach dem Hinlegen nicht wirklich vergeht. Den Einstieg in körperliche Aktivität fand sie über tägliche Spaziergänge – zunächst aus seelischen Gründen, dann mit wachsender körperlicher Wirkung. Der entscheidende Wendepunkt war die Erkenntnis, dass Regelmäßigkeit wirkt: Wer sich regelmäßig aktiv mit dem eigenen Körper beschäftigt, dem geht es besser. Heute ist Kitzerow Inhaberin des Rehasport-Übungsleiterscheins und leitet selbst Wassergymnastik für Krebsbetroffene.
Prof. Ralf Hafner beschreibt einen stufenweisen Prozess: Krebsdiagnose 2022, Operation, Bestrahlung, zweijährige Hormontherapie. Der Wiedereinstieg begann auf der Reha mit leichtem Krafttraining an Geräten – begleitet durch OnkoAktiv. Als langjähriger Läufer und zweifacher Marathonfinisher nutzte Hafner ein konkretes Ziel als Motivationsanker: die Anmeldung zu einem Volkstriathlon in Berlin. Ergänzend entdeckte er in der Reha Yoga und Progressive Muskelentspannung – beides praktiziert er inzwischen täglich.
Individuelle Beratung – und warum ME/CFS gesondert betrachtet werden muss
Verena Krell empfiehlt, vor dem Einstieg zumindest einmal eine Fachberatung in Anspruch zu nehmen. Wer noch nie Sport gemacht hat, braucht eine andere Herangehensweise als jemand, der sein Leben lang körperlich aktiv war – selbst sportliche Menschen müssen durch eine Krebsdiagnose ein neues Körpergefühl erst entwickeln. Angeleitetes Training zu Beginn hilft, den Einstieg individuell und sicher zu gestalten.
Ein wichtiger Hinweis: Tumor-Fatigue und ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom) sind nicht dasselbe. Bei ME/CFS kann Bewegung kontraindiziert sein: Intensive Belastungen können zu einem schweren Crash mit grippeähnlichen Symptomen führen (Post-Exertional Malaise). Wer solche Reaktionen kennt, sollte eine Facheinrichtung aufsuchen, bevor mit einem Bewegungsprogramm begonnen wird. In Berlin ist das Charité Fatigue Centrum unter der Leitung von Prof. Carmen Scheibenbogen eine spezialisierte Anlaufstelle. Fühlt sich Bewegung grundsätzlich gut an und treten keine derartigen Reaktionen auf, deutet das auf Tumor-Fatigue hin – und dann ist Bewegung wirksam.
Was die Forschung zeigt
Hunderte Studien belegen den Einfluss von Bewegung auf Nebenwirkungen der Krebstherapie. Die Krebsart spielt dabei eine untergeordnete Rolle – entscheidend sind Therapieart und die damit verbundenen Nebenwirkungen. Das zentrale Ergebnis: Wer während der Therapie körperlich aktiv bleibt, entwickelt weniger Fatigue und leidet weniger stark darunter. Eine Studie, die Bewegungstherapie, psychoonkologische Betreuung und medikamentöse Ansätze miteinander verglich, zeigte: Die Bewegungstherapie erzielte die stärksten Effekte auf Fatigue-Symptome, gefolgt von der psychoonkologischen Betreuung; die Kombination beider gilt als besonders wirksam. Pharmakologisch gibt es derzeit kein Mittel, das Fatigue-Beschwerden wirksam lindert.
Zum Zeitpunkt des Einstiegs: Die Daten zeigen, dass ein Beginn zu jedem Zeitpunkt positive Effekte haben kann. Je früher, desto besser – idealerweise sollte mit Bewegung bereits vor Therapiebeginn gestartet werden. Dieser prähabilitativie Ansatz behandelt die Krebstherapie wie einen Marathon: Wer gut vorbereitet an den Start geht, hat bessere Voraussetzungen.
Trainingsempfehlungen und individuelle Bewegungsformen
Die Studienlage empfiehlt eine klare Kombination: dreimal wöchentlich 30 Minuten Ausdauertraining – etwa Walken, Fahrradfahren oder Schwimmen – sowie zweimal wöchentlich Krafttraining. Diese Empfehlung ergibt sich aus dem, was in Studien gut standardisierbar war; andere Bewegungsformen wie Yoga wurden kaum in vergleichbaren Studien untersucht und gelten daher nicht als evidenzbasiert empfohlen – sind aber keineswegs unwirksam.
Ralf Hafner schildert, wie er in der Reha Entspannungsyoga und Progressive Muskelentspannung entdeckte und beides seitdem sechsmal wöchentlich praktiziert – auch als Weg, die psychische Last einer Krebserkrankung zu verarbeiten. Verena Krell betont: Das Entscheidende ist nicht die Form, sondern dass etwas langfristig funktioniert. Die Schwelle für viele Betroffene ist beim Walken am niedrigsten – keine Ausrüstung, keine Anmeldung, auch allein möglich. Der Gruppeneffekt – gemeinsam mit anderen zu trainieren – ist ein bekannter Motivationsfaktor.
Zugangswege und Kostenübernahme
Bewegungstherapie bei Krebs ist in Deutschland grundsätzlich kassenfähig. Verena Krell erläutert die wichtigsten Wege: Rehasport kann ärztlich verordnet werden – 50 Einheiten über 18 Monate, wöchentlich 45 Minuten in Gruppen in Rehasportvereinen, eine Kassenleistung. Weil die Erstattungssätze für Vereine oft nicht kostendeckend sind, wird die Verordnung häufig mit einer Vereinsmitgliedschaft kombiniert, die zusätzliche Trainingseinheiten ermöglicht. Als Alternative bietet sich Krankengymnastik am Gerät (KGG) an: eine physiotherapeutische Heilmittelverordnung, Gruppen von maximal drei Personen, betreut durch speziell geschultes Personal.
Wer nicht weiß, wo er anfangen soll, findet beim Netzwerk OnkoAktiv eine verlässliche erste Anlaufstelle: rund 20 regionale Zentren in ganz Deutschland bieten kostenlose Erstberatung an und vermitteln an geeignete Einrichtungen weiter. Verordnung und Kostenübernahme werden durch den behandelnden Arzt initiiert – eine Überweisung in eine große Klinik ist nicht notwendig.
Wearables, Telefonbetreuung und das MoveOnco-Projekt
Eine Studie der Charité-Sportmedizin kombinierte Bewegungs-Tracker mit regelmäßigen telefonischen Sprechstunden: Alle vier Wochen wurde ausgewertet, wie Trainingseinheiten umgesetzt wurden. Das Ergebnis war individuell sehr unterschiedlich: Technikaffine Personen profitierten stark und blieben auch langfristig ohne intensive Betreuung aktiv. Andere empfanden den Tracker als Belastung oder legten ihn schlicht beiseite. Krell zieht daraus eine klare Schlussfolgerung: Es gibt kein universell funktionierendes Format – Bewegungsbetreuung muss zur Person passen.
Das MoveOnco-Projekt, von der Deutschen Krebshilfe finanziert und bundesweit unter Leitung der Universität Heidelberg koordiniert, verfolgt einen anderen Ansatz: Im Vordergrund steht nicht mehr die Frage, wie Bewegung wirkt, sondern wie Betroffene überhaupt erst von ihr erfahren. Pflegepersonal und medizinisches Fachpersonal, das Patienten während Chemo oder Bestrahlung eng begleitet, wird befähigt, früh über die Bedeutung von Bewegung zu informieren – noch bevor eine Beratung oder Verordnung stattfindet.
Anlaufstellen und weiterführende Informationen
Im Beitrag genannte Anlaufstellen im Überblick: Das Netzwerk OnkoAktiv ist die erste Adresse für kostenlose Erstberatung und Vermittlung in Bewegungsangebote – mit rund 20 regionalen Zentren in ganz Deutschland. Der Krebsinformationsdienst bietet verlässliche, evidenzbasierte Informationen zu allen Aspekten von Krebserkrankungen. Die Landeskrebsgesellschaften in jedem Bundesland kennen die lokalen Angebote und beraten Betroffene wie Angehörige kostenlos. Wer in der Nähe von Berlin lebt, kann an vielen Veranstaltungen im SURVIVORS HOME Berlin auch live vor Ort teilnehmen.
Die ersten beiden Teile dieser Reihe sind ebenfalls in der Mediathek auf menschen-mit-krebs.de abrufbar: Teil 1 befasst sich mit der Frage, was Tumor-Fatigue ist und wie sie sich von ME/CFS und Long Covid abgrenzt; Teil 2 beleuchtet die psychologischen Aspekte.
Dieser Beitrag vermittelt allgemeine medizinische Informationen und ersetzt keine individuelle Beratung. Die persönliche Situation sollte stets mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.