Haarausfall & körperliche Veränderungen bei Krebstherapie – Erfahrungen, medizinisches Wissen & praktische Tipps
Dies ist ein Veranstaltungsinhalt von SURVIVORS HOME am 05.05.2026.
Haarausfall gehört zu den bekanntesten Nebenwirkungen einer Krebstherapie – und doch trifft er viele Betroffene härter, als sie es erwartet hätten. In diesem Videobeitrag aus der Reihe Nebenwirkungen – wenn sich der Körper verändert sprechen Dr. Maike Kollendt (Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie, Praxis am Volkspark Berlin), Pauline Kludt (Pflegefachkraft Onkologie, Bloggerin oncocare-mit-herz) und Patientin Claudia offen darüber, wie sich körperliche Veränderungen anfühlen, was im Alltag hilft und wie man den eigenen Weg im Umgang damit findet. Moderiert wird das Gespräch von Marco Ammer.
„Man sieht aus wie ein Alien“ – der erste Moment ohne Haare
Claudia beschreibt den Moment, als ihre Haare nach der ersten Chemotherapiegabe ausfielen, als einen der schwärzesten Tage ihrer Erkrankung. Obwohl sie von Anfang an wusste, dass es passieren würde, war der Schock enorm – besonders das erste Mal, sich selbst ohne Behaarung im Spiegel zu sehen. Ihre Botschaft: Vorbereitung hilft, schützt aber nicht vollständig vor dem emotionalen Einschlag dieses Moments.
Welche Therapien verursachen Haarausfall?
Dr. Kollendt erklärt, dass nicht alle Chemotherapeutika gleichermaßen Haarausfall verursachen. Substanzklassen wie Taxane und Anthrazykline – häufig bei Brustkrebs eingesetzt – führen deutlich öfter zu Haarausfall als etwa Wirkstoffe, die bei Darmkrebs verwendet werden. Wichtig ist laut Dr. Kollendt, Patienten klar aufzuklären: wann der Ausfall wahrscheinlich eintritt, wie er verläuft – und dass die Haare nach Abschluss der Therapie in der Regel nach einigen Wochen wieder zu wachsen beginnen. Nach etwa einem Jahr ist meist wieder eine gute Kurzhaarfrisur möglich, auch wenn Farbe und Struktur sich zunächst verändern können.
Frühzeitig vorbereiten – Empfehlungen aus der Pflege
Pauline Kludt betont, wie wichtig es ist, Patienten frühzeitig und behutsam an das Thema heranzuführen – bevor der Haarausfall einsetzt. Dazu gehört der Hinweis auf spezialisierte Friseure und Perückenstudios, die gezielt auf die Bedürfnisse von Krebspatienten eingehen. Claudia empfiehlt, noch mit dem eigenen Haar ins Perückenstudio zu gehen, damit Farbe, Struktur und Stil optimal abgestimmt werden können. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für eine Perücke anteilig – die genauen Konditionen variieren je nach Kasse.
Perücke, Beanie oder Glatze – kein Richtig und kein Falsch
Claudia schildert, wie unterschiedlich sie selbst die beiden Male erlebt hat, in denen sie ihre Haare verlor. Beim ersten Mal war die Perücke ihre „beste Freundin“ und Schutzkappe nach außen. Beim zweiten Mal war sie häufig mit Glatze unterwegs – und erlebte vor allem positive Reaktionen. Ihre klare Botschaft: Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Entscheidend ist, womit man sich selbst wohlfühlt – ob Perücke, Turban, Beanie oder Glatze. Eine Perücke als Backup empfiehlt sie dennoch grundsätzlich, schon allein für Situationen, in denen man sich spontan anders entscheiden möchte.
Wimpern, Augenbrauen, Körperbehaarung – der ganze Körper verändert sich
Haarausfall betrifft nicht nur den Kopf. Claudia weist darauf hin, dass auch Wimpern, Augenbrauen und Körperbehaarung verloren gehen können. Spezialisierte Schminkworkshops helfen dabei, den Verlust zu kaschieren und das Selbstwertgefühl zu stärken. Das Schminken gibt, wie Claudia es formuliert, „ein bisschen Selbstwert zurück“. Entsprechende Angebote gibt es unter anderem bei Organisationen wie Recover Your Smile oder Vielegen (Österreich).
Kopfkühlung – was ist möglich, was nicht?
Dr. Kollendt erläutert, dass während einer Chemotherapie die Kopfhaut gekühlt werden kann, um die Haarwurzeln zu schonen. Das Prinzip: Durch die Kühlung werden die Gefäße der Kopfhaut weniger stark mit dem Chemotherapeutikum durchblutet. Einen vollständigen Schutz vor Haarausfall bietet die Kopfkühlung nicht. Studien zeigen, dass sie den Haarausfall reduzieren, aber selten ganz verhindern kann – und ein partieller Haarausfall kann ebenso belastend sein wie ein vollständiger. Die Kopfkühlung ist derzeit keine Kassenleistung.
Weitere körperliche Veränderungen: Fatigue, Nägel, Polyneuropathie
Haarausfall ist eine von mehreren körperlichen Veränderungen, die eine Krebstherapie mit sich bringen kann. Dr. Kollendt nennt ergänzend das Erschöpfungssyndrom (Fatigue), Nagelveränderungen und polyneuropathische Beschwerden als häufige Nebenwirkungen, über die Patienten gut aufgeklärt sein sollten. Auch hier gilt: Informierte Patienten können aktiv dazu beitragen, Nebenwirkungen zu mindern.
Nebenwirkungssprechstunden: gezielte Unterstützung durch Fachpflege
Pauline Kludt berichtet von spezialisierten Nebenwirkungssprechstunden, die onkologische Fachpflegekräfte mit entsprechender Zusatzausbildung durchführen. In geschütztem Rahmen werden Beschwerden gezielt besprochen und weitere Berufsgruppen wie Ergotherapie, Physiotherapie, Psychoonkologie und Sozialmanagement einbezogen. Solche Angebote sind noch nicht überall etabliert – Pauline wünscht sich eine breitere Verankerung in Kliniken und Praxen.
Claudias Botschaft: Es sind nur Haare – und sie kommen wieder
Am Ende des Gesprächs gibt Claudia Betroffenen folgendes mit: Der Haarausfall fühlt sich im Moment des Verlusts wie ein tiefer Einschnitt an – aber er tut körperlich nicht weh, und in den allermeisten Fällen kommen die Haare zurück. Manche Patientinnen erleben danach sogar eine veränderte Haarstruktur, etwa Locken. Das Allerwichtigste bleibt, dass die Therapie wirkt – und dass man trotz allem die Lebensfreude nicht verliert. Claudia, die seit 13 Jahren mit einer metastasierten Krebserkrankung lebt, macht mit ihrem Auftreten deutlich: Da ist ganz viel Hoffnung.
Häufige Fragen aus dem Gespräch
Wann fallen die Haare aus – und wann wachsen sie wieder?
In der Regel fallen die Haare etwa 14 bis 15 Tage nach der ersten Chemotherapiegabe aus. Nach Abschluss der Therapie beginnen sie meist nach 3 bis 6 Wochen wieder zu wachsen – oft zunächst mit veränderter Farbe oder Struktur. Nach etwa einem Jahr ist in den meisten Fällen wieder eine gute Kurzhaarfrisur möglich. Der genaue Verlauf ist individuell verschieden.
Was zahlt die Krankenkasse bei einer Perücke?
Eine Perücke kann ärztlich verordnet werden. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten anteilig – der genaue Betrag variiert je nach Kasse und Perückenart (Echthaar oder Kunsthaar). Empfehlenswert ist ein auf Krebserkrankungen spezialisiertes Perückenstudio, das auch weiß, was auf der Verordnung stehen muss.
Hilft Kopfkühlung dabei, den Haarausfall zu verhindern?
Die Kopfkühlung während der Chemotherapie kann den Haarausfall in manchen Fällen reduzieren, ihn aber selten vollständig verhindern. Die Idee: Durch Kälte werden die Gefäße der Kopfhaut weniger stark mit dem Chemotherapeutikum durchblutet, sodass die Haarwurzeln geschont werden. Wichtig zu wissen: Ein partieller Haarausfall kann genauso belastend sein wie ein vollständiger. Die Kopfkühlung ist derzeit keine Kassenleistung und muss in der Regel selbst bezahlt werden.
Wie kann ich mich auf den Haarausfall vorbereiten?
Patientin Claudia und Pflegefachkraft Pauline Kludt empfehlen, sich frühzeitig – noch vor dem Haarausfall – mit dem Thema auseinanderzusetzen: einen Termin im Perückenstudio vereinbaren, solange das eigene Haar noch vorhanden ist (so können Farbe und Struktur optimal abgestimmt werden), und passende Kopfbedeckungen ausprobieren. Auch spezialisierte Friseure, die auf Krebserkrankungen ausgerichtet sind, können beim Übergang helfen. Wer lange Haare hat, kann außerdem prüfen, ob eine Haarspende an entsprechende Organisationen möglich ist.
Was tun, wenn auch Wimpern und Augenbrauen ausfallen?
Neben den Kopfhaaren können auch Wimpern, Augenbrauen und weitere Körperbehaarung verloren gehen. Spezialisierte Schminkworkshops helfen dabei, den Verlust zu kaschieren und das Selbstwertgefühl zu stärken. Das Schminken gibt Betroffenen nach eigener Aussage ein Stück Selbstwert zurück und erleichtert es, wieder nach draußen zu gehen. Entsprechende Angebote gibt es u. a. bei Recover Your Smile und Vielegen (Österreich).
Helfen Tinkturen oder Salben für die Kopfhaut?
Nach aktuellem Wissensstand gibt es keine lokalen Mittel für die Kopfhaut, die den Haarausfall während einer Chemotherapie wirksam verhindern oder wesentlich reduzieren. Dr. Kollendt empfiehlt, Produkte ohne belegte Wirksamkeit zu meiden und das Geld zu sparen. Eine dermatologische Beratung ist grundsätzlich möglich, sollte aber kritisch begleitet werden.
Welche weiteren körperlichen Veränderungen können auftreten?
Neben Haarausfall nennt Dr. Kollendt drei weitere häufige Nebenwirkungen, über die Patienten gut aufgeklärt sein sollten: das Erschöpfungssyndrom (Fatigue), Nagelveränderungen sowie polyneuropathische Beschwerden (Missempfindungen, Taubheitsgefühle). Über alle drei lässt sich mit dem behandelnden Arzt sprechen – und Betroffene können in vielen Fällen aktiv dazu beitragen, die Belastung zu reduzieren.