Ernährungs-Coach: Wenn nichts mehr schmeckt
Dies ist ein Veranstaltungsinhalt von SURVIVORS HOME am 01.07.2026.
Viele Menschen mit einer Krebserkrankung erleben während oder nach der Therapie Veränderungen des Geschmacks. Plötzlich schmeckt Vertrautes bitter, metallisch oder einfach nach nichts mehr. Oft kommen weitere Beschwerden wie Mundtrockenheit oder Appetitlosigkeit hinzu – Essen wird zur Herausforderung.
In diesem Videobeitrag erklärt Nathalia Behrendt, Diätassistentin bei konZ·E·B·T Care, warum Geschmacksstörungen entstehen und welche Möglichkeiten helfen können, den Alltag zu erleichtern: von der Funktionsweise unseres Geschmackssinns über die Ursachen bis zu konkreten Tipps für den Alltag.
Was ist Geschmack eigentlich?
Die meisten Menschen denken, Geschmack findet nur auf der Zunge statt. Tatsächlich ist er viel komplexer aufgebaut. Über die Zunge nehmen wir lediglich die Grundgeschmacksrichtungen wahr: süß, salzig, bitter, sauer – und, je nach Sichtweise, Umami als Sonderfall. Diese Grundgeschmäcker sagen uns aber nur, in welche Richtung etwas geht. Ob wir eine süße Kirsche, eine süße Erdbeere oder puren Zucker im Mund haben, unterscheidet die Zunge allein nicht.
Das eigentliche Aroma entsteht erst im Zusammenspiel mit der Nase. Über den Rachenraum gelangen Geruchsmoleküle zur Riechschleimhaut – zusammen mit den Signalen der Zunge entsteht daraus das vollständige Geschmackserlebnis. Der Geruch macht dabei den größten Teil des Aromas aus. Dieser Punkt ist wichtig, weil er später bei den praktischen Tipps zur Geschmacksverbesserung wieder aufgegriffen wird.
Zusätzlich beeinflussen weitere Faktoren, wie wir Essen wahrnehmen: die Temperatur, die Konsistenz und das Mundgefühl, Geräusche wie das Knuspern eines frischen Brötchens sowie Erinnerungen und Emotionen. Der Duft von Weihnachtsplätzchen weckt sofort eine Erwartungshaltung, die Vorfreude und Genuss mitbestimmt. Geschmack ist damit kein reiner Sinnesreiz, sondern ein Zusammenspiel aus Zunge, Nase, Temperatur, Konsistenz, Akustik und emotionaler Erwartung.
Warum Geschmack so wichtig ist
Geschmack ist eng mit Emotion, Genuss und Lebensqualität verknüpft. Er beeinflusst den Appetit, den Schutz und die Nährstoffaufnahme, die Verdauung und die soziale Teilhabe. Geschmack hat außerdem eine evolutionäre Funktion: Süß signalisierte über lange Zeit Energie und Ungefährlichkeit, bitter stand für möglicherweise Verdorbenes, sauer für Vergorenes. Diese alten Muster erklären, warum Geschmacksveränderungen so tief in unser Wohlbefinden eingreifen können.
Wenn der Geschmack sich verändert, kann das dazu führen, dass Betroffene weniger essen, Mahlzeiten auslassen, bestimmte Lebensmittel meiden – Fleisch ist hier ein Klassiker –, ungewollt Gewicht verlieren und zu wenig Eiweiß und Energie aufnehmen. Aus einer Geschmacksstörung kann so eine Mangelernährung werden, die wiederum die Geschmacksstörung selbst verstärkt.
Warum während der Therapie nichts wie vorher schmeckt
Unsere Geschmacksknospen erneuern sich – je nach Quelle – etwa alle 7 bis 14 Tage. Dieser Erneuerungszyklus ist entscheidend dafür, wie Therapien den Geschmack beeinflussen. Typische Veränderungen, die Patienten während Chemo- und Strahlentherapie berichten, sind ein metallischer Geschmack, ein insgesamt faderer und weniger intensiver Geschmack, unangenehm bis fast faulig schmeckendes Fleisch, eine verminderte Süßwahrnehmung und ein unangenehmes Mundgefühl. Viele Betroffene berichten, dass sie beim Kochen nicht mehr abschmecken können und diese Aufgabe lieber anderen überlassen.
Die zentrale Ursache: Mundtrockenheit
Speichel ist die Trägersubstanz, die Aromen überhaupt erst zu den Geschmacksknospen transportiert. Ohne ausreichend Speichel funktioniert diese Signalkette nicht – vergleichbar mit dem Versuch, etwas auf trockenem Boden statt auf Wasser zu transportieren: Auf trockener Mundschleimhaut kommt kaum etwas an. Mundtrockenheit, medizinisch Xerostomie, entsteht auf verschiedenen Wegen: durch zu wenig Speichel, durch zu zähen und schaumigen Speichel oder durch Speichel, der seine Zusammensetzung verändert hat.
Die vier großen Ursachenblöcke
Chemotherapie. Bestimmte Wirkstoffe beeinflussen Speichelmenge und -konsistenz sowie die Sensibilität der Geschmacksknospen direkt.
Strahlentherapie. Besonders bei Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich werden Geschmacksknospen und Speicheldrüsen mitbetroffen. Ähnlich wie Antibiotika nicht zwischen guten und schädlichen Bakterien unterscheiden, unterscheidet auch die Strahlentherapie nicht zwischen Tumor- und gesunden Zellen.
Infektionen. Krebspatienten unter Therapie haben häufig ein geschwächtes Immunsystem. Atemwegsinfekte wie Influenza oder COVID-19 sowie Mundsoor, eine Pilzinfektion der Mundschleimhaut, können Geschmacksstörungen auslösen oder verstärken. Anders als therapiebedingte Veränderungen sind diese Ursachen meist vorübergehend und behandelbar.
Medikamente. Manche Schmerzmittel begünstigen Mundtrockenheit, bestimmte Antibiotika können einen metallischen oder bitteren Geschmack verursachen, andere Wirkstoffe wirken häufig über Mundtrockenheit. Auch Nikotin betäubt die Geschmacksknospen – viele Ex-Raucher berichten, nach dem Rauchstopp wieder deutlich intensiver zu schmecken.
Mangelernährung steht am Ende dieser Kette und wirkt zugleich als Verstärker: Auch die Zellen im Mund brauchen ausreichend Nährstoffe, um sich zu regenerieren. Ist der Körper unterversorgt, kann diese Reparatur nicht richtig ablaufen – ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt. Wichtig ist: Die Ursachen wirken bei jedem Menschen unterschiedlich zusammen. Es gibt keine pauschale Erklärung, die für alle passt.
Was hilft im Alltag?
Eiweiß- und Energiezufuhr sichern. Wird insgesamt weniger gegessen, kann eine höhere Nährstoffdichte pro Mahlzeit sinnvoll sein. Kleine, häufigere Mahlzeiten sind oft leichter zu bewältigen als drei große.
Mundpflege und Flüssigkeit. Ausreichend zu trinken ist das A und O. Entscheidend ist dabei nicht, große Mengen auf einmal zu trinken, sondern schluckweise über den Tag verteilt, damit der Mund immer wieder befeuchtet wird. Unterstützend können Kaugummi, Bonbons oder spezielle Feuchtigkeitslutscher wirken, da sie den Speichelfluss anregen.
Essen nicht erzwingen. Druck beim Essen erzeugt fast immer Gegendruck. Lebensmittel, die aktuell unangenehm schmecken, dürfen vorübergehend gemieden werden – Geschmacksvorlieben verändern sich während der Therapie oft mehrfach. Sinnvoller ist es, Lebensmittel mit von Haus aus höherem Flüssigkeitsanteil zu wählen, etwa Joghurt mit Obst, Suppen oder Soßen, statt trockener Brote, die zusätzlich viel Kauen verlangen.
Auch an die Nase denken. Da der Geruch den größten Teil des Aromas ausmacht, lohnt sich der Blick auf die Nasenschleimhaut: Ist sie ausreichend befeuchtet? Ist die Raumluft zu trocken? Gerade Chemopatienten berichten häufig von Nasenbluten – ein Hinweis auf angegriffene Schleimhäute, die zusätzlich Pflege brauchen.
Geschmacks- und Sensoriktraining. Keine Pauschalempfehlung, aber ein möglicher Baustein: sich bewusst außerhalb der Mahlzeit hinsetzen und einzelne Geschmäcker gezielt wahrnehmen – wie süß schmeckt gerade ein Stück Schokolade, wie salzig die Suppe, wie schmeckt eine Tomate? Der Wechsel zwischen süß, salzig, sauer und bitter kann die Geschmacksknospen aktivieren. Das wirkt nicht bei jedem, ist aber einen Versuch wert.
Bei metallischem Geschmack verstärkt Metall auf Metall den Effekt zusätzlich. Empfehlenswert sind Kunststoffbesteck statt Metallbesteck, das schnelle Umfüllen von Speisen aus Aluschalen, der Verzicht auf Alufolie und Konserven, wo möglich, das Ausprobieren kalter statt warmer Speisen sowie – sofern die Mundschleimhaut das verträgt – säurehaltiger Lebensmittel.
Zink – nur in Absprache mit dem Arzt. Zink unterstützt die Zellregeneration und kann bei nachgewiesenem Mangel helfen, etwa nach Kopf-Hals-Bestrahlung, bei ausgeprägten Geschmacksstörungen, unzureichender Nahrungsaufnahme oder Gewichtsverlust. Eine Kurzzeiteinnahme kann in solchen Fällen sinnvoll sein – aber ausschließlich nach Rücksprache mit dem behandelnden Onkologen, da Wechselwirkungen mit Medikamenten oder Therapie möglich sind. Eigenständige, hoch dosierte oder monatelange Einnahme sollte vermieden werden: Nahrungsergänzungsmittel sind nicht automatisch hilfreich, und mehr ist nicht immer besser.
Grundsätzlich gilt: Es gibt keinen Fahrplan, der für alle gleich funktioniert. Ausprobieren, beobachten, was hilft, und bei Stillstand eine Ernährungsfachkraft oder den Arzt einbeziehen.
Fragen aus dem Publikum
Soll man zum Essen trinken?
Das kommt auf das Essen an. Bei eher trockenen Speisen empfiehlt es sich, ein Glas dazuzustellen, damit nicht nur der ohnehin knappe Speichel die Trockenheit ausgleichen muss. Bei Suppe, die selbst schon viel Flüssigkeit mitbringt, ist es eher Geschmackssache. Grundsätzlich kann leicht Säuerliches den Speichelfluss zusätzlich anregen – vorausgesetzt, die Mundschleimhaut ist nicht entzündet.
Kann man die Geschmackssensorik bewusst mit frischen Kräutern anregen?
Ja. Kräuter und Gewürze können die Aromabildung über die Nase verstärken, auch wenn die Grundgeschmäcker auf der Zunge beeinträchtigt sind. Die Bandbreite ist groß und reicht weit über Petersilie, Schnittlauch und Basilikum hinaus. Frische Kräuter bei warmen Gerichten am besten erst kurz vor Ende zugeben, damit die Hitze das Aroma nicht zu stark abbaut. Trockene Kräuter dagegen etwas früher ins Gericht geben, damit sie über die Garflüssigkeit ihr Aroma abgeben können.
Gibt es Kräutertees, die den Speichelfluss besonders gut anregen?
Eher schwierig. Die meisten Kräutertees sind bitter, und Bitterstoffe hemmen den Speichelfluss eher, als ihn anzuregen. Anregend wirkt vor allem leicht Säuerliches – etwa Saftschorlen mit gelben Früchten, ein Tipp, den auch Logopäden häufig geben.
Zum Abschluss
Dieser Beitrag war der letzte vor der Sommerpause – im Herbst geht es weiter. Welche Themen als Nächstes drankommen, darf wie gewohnt mitbestimmt werden: Die Auswahl wird online gestellt, die Abstimmung ist offen für alle. Für eine individuelle Beratung oder Therapie erreichen Sie konZ·E·B·T Care direkt.
Dieser Videobeitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung. Besprechen Sie Ihre persönliche Situation immer mit Ihrem behandelnden Arzt oder einer qualifizierten Ernährungsfachkraft.
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